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Netsuke: Kleine Meisterwerke der Schnitzkunst

23. Januar 2009 [ 1 Kommentar ]

Kaum größer als ein Mantelknopf sind die kleinen geschnitzten Anhänger, die traditionell Teil des japanischen Kimonos sind. Das „Wurzelstück zum Anbinden”, wie sich der Name „Ne-Tsuke” wörtlich übersetzen lässt, dient zur Befestigung von Tragebeuteln oder -schachteln am taschenlosen Kimono: Die Behälter wurden mit einem Bändel am Gürtel (Obi) befestigt, der durch zwei Öffnungen im Netsuke gezogen wurde, um so ein Abrutschen zu verhindern.

Richard Schiffer: Schwarzer Krebs, Ebenholz. Die Arbeit entwickelt Schwung aus der Kugel. "Der Krebs wickelt sich um eine Perle, die die Himotoshi beherbergt." (R. Schiffer)

Die Anhänger können aus den unterschiedlichsten Materialien wie Buchsbaum, Bambus, Horn, Elfenbein oder Nüssen geschnitzt werden. Dargestellt werden mythologische Szenen oder Legenden, Helden aus der Geschichte, aber auch Alltagsszenen oder humoristische Szenen oder Glückssymbole – Szenerien und Symbole, die dem japanischen Netsuke-Träger vertraut waren.
Entstanden sind die Netsuke im 16. Jahrhundert als Gegenstand des täglichen Gebrauchs und wurden vom 17. bis zum 19. Jahrhundert von japanischen Männern der Ober- und Mittelklasse getragen. Als eindrucksvolle Kunstgegenstände wurden sie schnell zu einem Statussymbol. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Meiji-Zeit (1868 bis 1912), jedoch etablierte sich in Japan die westliche Kleidung – kimonotypische Bekleidung und damit die Netsuke als alltäglicher Gebrauchsgegenstand wurden überflüssig.

Auch wenn in Japan schon lange keine Netsuke mehr getragen werden und der Kimono nur noch zu Feierlichkeiten hervorgeholt wird, so ist die Kunst des Netsuke-Schnitzens nach wie vor beliebt – allerdings weniger in Japan selbst als im Westen. Liebhaber und Sammler auf der ganzen Welt begeistern sich für die kleinen Kunstwerke. Ihr Wert erschließt sich heute wie damals aus ihrem erzählerischen Inhalt sowie aus der technischen Kunstfertigkeit des Künstlers – beide Werte werden deutlich, wenn man das Netsuke in der Hand hält, darüber spricht, diskutiert, Fragen stellt. Nach wie vor sind die geschnitzten Gürtelanhänger in erster Linie „Gegenstände”, die sich über den direkten Kontakt und das Anfassen erschließen. Sie sind keine „bloßen” Kunstwerke, die isoliert betrachtet werden können.

Netsuke-Künstler Richard Schiffer

Netsuke-Künstler Richard Schiffer

Derzeit gibt es zwischen 50 bis 100 professionelle Netsuke-Künstler weltweit – darunter sehr viele Nicht-Japaner -, die Netsuke von sehr hoher Qualität schnitzen. Einer von ihnen ist der Österreicher Richard Schiffer, der nach einer Ausbildung zum Bildhauer und Restaurator für Skulptur, großformatige Gemälde sowie Glas, Keramik und Miniaturen vor etwa 3 Jahren durch Zufall die Kunst des Netsuke-Schnitzens entdeckt hat: Auf einem Flohmarkt hat er das Buch „Die Welt der Netsuke” von Richard Wolf entdeckt. Beeinflusst durch die Arbeiten des Briten Guy Shaw, der das Thema „zeitgemäße Netsuke-Kunst” schon aufgriffen hat, reizt Schiffer besonders die narrative Qualität der geschnitzten Skulpturen: Er versucht, in den plastischen Formen seiner Netsuke durch Andeutungen bekannter Symbole neue Formen des Geschichtenerzählens zu entwickeln, die sich dem Betrachter wie ein Gedicht oder auch, wie er selbst sagt, ein „Rock-Song” erschließen. Seine Themen findet er im Alltag, aber auch in philosophischen Ansätzen.

Pinky, Pink Evory. "Ein äußerst interessantes Holz. Wie eine Schnecke winden sich die Wellen um den Fisch." (R. Schiffer)

Richard Schiffer: Pinky, Pink Evory. "Ein äußerst interessantes Holz. Wie eine Schnecke winden sich die Wellen um den Fisch. Eine Liebesgeschichte." (R. Schiffer)

Darüber hinaus misst Schiffer dem Material, aus dem er seine Netsuke schnitzt, eine große Bedeutung bei. Er nähert sich seinen Themen sehr vorsichtig an und versucht, das Material in seiner symbolischen Aussagekraft zu erhalten. Dadurch soll es, so der Künstler, zu authentischen sinnlichen Erfahrungen kommen, die unserer Zeit entsprechen – ein Gegensatz zu den gelackten Oberflächen einer Kultur, die sich immer mehr in Äußerlichkeiten verliert. So ist etwa das Netsuke „Schwarzer Krebs” aus Ebenholz gearbeitet als Ausdruck für den Wert und die Verschlossenheit, während der Fisch „Pinky” aus Pink Evory geschnitzt ist, das den Eros assoziativ bereits im Namen anklingen lässt.

Im Vergleich zu anderen Netsuke-Schnitzern wirkt Schiffers Bearbeitung „roh”. Unter den aktiven Schnitzern weltweit nimmt er dadurch eine Außenseiterrolle ein. Seine Arbeiten werden vor allem wegen ihrer guten Komposition und den einfallsreichen Erzählungen aus Alltagsthemen und philosophischen Ansätzen geschätzt, während die eigenwillige Ausführung häufig bemängelt wird – allerdings ist gerade dies für ihn ein grundlegender Teil dieser Kunstgattung, die als absolut authentische Gegenstände so aus dem Material herausgeholt worden sind, wie sie sind. Sie können nicht anders sein. Die Eigenständigkeit des Materials spielt für den Künstler eine ebenso wichtige Rolle wie die Geschichte, die erzählt wird.
Die besondere Bedeutung des Entstehungsprozesses seiner Netsuke zeigt Schiffer auch daran, dass er seine Objekte zusammen mit Fotografien präsentiert, die den ihn während des Schnitzens im Atelier und damit während der Arbeit an und mit dem Material zeigen – ebenfalls ein eher unübliches Vorgehen unter den Netsuke-Künstlern.

Ab Mitte Mai 2009 werden Arbeiten von Richard Schiffer in „die Ausstellung” in Wien zu sehen sein, während im Juli 2009 eine Präsentation seiner Netsuke auf der „Hakutaku Convention” in New York geplant ist.

Aktuelle Infos dazu finden Sie auf der Website von Richard Schiffer.

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Ein Kommentar »

  • Kerstin sagt:

    Schöner Artikel! Die Netsuke von Richard sind tatsächlich ein optischer Genuss, auch für Netsuke Banausen. Sehr empfehlenswert!

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