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Butoh: Alexandra Paszkowskas außergewönliche Fotografien in Wasserburg bei München

9. Februar 2009 [ Kein Kommentar ]

Schon Andy Warhol war beeindruckt. In seinem Magazin „Interview” berichtete er ausführlich über Alexandra Paszkowskas Butoh-Fotografien, die zu jener Zeit im Art Center der State University of New York zu sehen waren. Die Aufnahmen der Münchner Fotografin zeigen weiß geschminkte Gestalten in Aktion, Bewegungen, die für Augenblicke existieren, werden in den Fotografien eingefangen und für die Ewigkeit festgehalten.

Schottland Highlands 01 © A. Paszkowska

Alexandra Paszkowska: Schottland Highlands 01 © A. Paszkowska

Entstanden sind die Fotografien in den 1980er Jahren, als Paszkowska die japanische Butoh-Tanzgruppe Sankai Juku bei Auftritten abseits der gewohnten Bühnenräume begleitete: Getanzt wurde an der Steilküste Schottlands, im Schloss Neuschwanstein und an der Wand eines New Yorker Hochhauses („Hanging Events”). Im Laufe der Zusammenarbeit kamen 150 energievolle, bizarre und ästhetische Aufnahmen zusammen, die seither in vielen Ausstellungen weltweit präsentiert wurden und aktuell bis März in der Wasserburger Fotogalerie bei München zu sehen sind.

Die Butoh-Tanzgruppe Sankai Juku, die „Schule von Berg und Meer”, wurde 1975 von Ushio Amagatsu gegründet, der das Ensemble nach wie vor leitet. Mittlerweile weltbekannt hat Sankai Juku seither in 43 Ländern und mehr als 700 Städten getanzt. Butoh selbst ist dem deutschsprachigen Kino-Publikum durch den Film „Kirschblüte/Hanami” (2008) von Doris Dörrie bekannt, in dem der Tanz eine wichtige Rolle spielt. Tatsächlich ist Butoh eine Form des Tanztheaters, die sich nicht ohne Weiteres definieren lässt; so gibt es etwa Stimmen, die es nicht als Tanzform betrachten. In jedem Fall ist Butoh jedoch eine Art der Performance-Kunst, die Bewegung und Körperausdruck in den Mittelpunkt stellt: Das japanische Wort besteht aus den zwei Elementen „bu” (Tanz) und „toh” (Schritt) – wörtlich bedeutet „Bu-toh” soviel wie „stampfender Tanz”.

Schloss Neuschwanstein 03 © A. Paszkowska

Alexandra Paszkowska: Schloss Neuschwanstein 03 © A. Paszkowska

Entstanden in Japan nach dem zweiten Weltkrieg reichen die Wurzeln des Butoh bis in die 1920er Jahre zum modernen deutschen Ausdruckstanz zurück. Er umfasst jedoch auch Einflüsse des traditionellen japanischen Tanzes sowie Elemente von Nō über Flamenco bis Capoeira. Ganz wesentlich wird die Tanztechnik aber von den Tänzer entwickelt – es gib so viele Stile, wie es Tänzer gibt. Die Improvisation spielt eine grundlegende Rolle.
Ebenso vielfältig können auch die Vorführungen sein: möglich sind Gruppen von zehn oder mehr Tänzern oder Solo-Performances, die zu lauter, exstatischer Musik oder ohne musikalische Begleitung tanzen. Die Bewegungen selbst können grotesk und verzerrt, fließend und spielerisch sein, sie können aus wilden Sprünge bestehen, aus sparsamen, langsamen Bewegungen oder gar rein konzeptuell ohne Bewegung ausgeführt werden. Während Sankai Juku etwa einen ästhetisch-stilisierten, reduzierten Butoh tanzen, zeigen andere Tänzer einen wilden, rohen Stil.

Auffälligstes Moment des Butoh ist das weiße Ganzkörper-Makeup der Tänzer, das aus dem traditionellen japanischen Tanz übernommen wurde. Allerdings ist es ebenso wenig verbindlich wie die Kostümierung oder die Haartracht: Manche Tänzer wählen Farben wie Gold, Silber, Rot oder Schwarz, andere arbeiten ohne Makeup, die Kostüme reichen von kunstvollen Gewändern bis zu simplen Lendentüchern oder auch kompletter Nacktheit, die Haare können wild zersaust, aufwändig frisiert oder auch abrasiert sein.

Schottland Highlands 05 © A. Paszkowska

Alexandra Paszkowska: Schottland Highlands 05 © A. Paszkowska

Die äußere Gestaltung der Butoh-Performance lässt viel Spielraum und ist, anders als in den klassischen Tanzformen, nicht festgelegt. Wesentlich ist die besondere Konzentration der Tänzer auf ihren Körper: Butoh ist Ausdruck der Körpersprache und zielt darauf, das Bewusste mit dem Unbewussten zu verbinden. Die Empfindungen, Erlebnisse, Träume des tanzenden Individuum fließen entscheidend in den Tanz mit ein. Die Tänzer wollen nicht nachahmen oder symbolisieren, sondern den Körper in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Tatsumi Hijikata, der zusammen mit Yoshito Ohno 1959 die erste Butoh-Performance „Kinjiki” aufgeführt hat und als einer der wichtigsten Choreografen gilt, beschreibt diese Gedanken am Bespiel eines Hahns, den die Tänzer darstellen wollen: „The idea was to push out all of the human inside and let the bird take its place. You may start by imitating, but imitation is not your final goal; when you believe you are thinking completely like a chicken you have succeeded.” Ziel ist die Metamorphose, die Verwandlung als solche.

Ushio Amagatsu, der Leiter der Butoh-Gruppe Sankai Juku, umschreibt Butoh „als Prozess des Selbstvergessens und auch der Selbsterkenntnis. Butoh-Tanz hat eine spirituelle Dimension und Butoh hat mit dem Leben zu tun; ist lebendiges Zeichen im Raum“. Nach Amagatsu sind die Themen des Butoh „die Ambivalenz von Licht und Dunkel, Geburt und Tod. Ursprung und Untergang. Es sind Riten des Mysteriums, der Qual, der Alpträume und dann das Erwachen, die Erlösung, der Frühling, das Staunen über die Schönheit des Daseins”.

Hanging Down 02, New York © A. Paszkowska

Alexandra Paszkowska: Hanging Down 02, New York © A. Paszkowska

Alle Ansätze, Butoh in Worte zu fassen, betonen, wie schwierig diese Versuche sind. Ebenso einig sind sie sich darin, dass man Butoh erleben muss, um seine Dimensionen zu erfassen. Etwas von dieser komplexen Expressivität haben die Fotografien von Alexandra Paszkowska eingefangen. Die Aufnahmen entwickeln erstaunlich ästhetische Ansichten der weißen Körpern in ihrer Umgebung, in der sie in ihrer asketisch-archaischer Einfachheit und raffinierten Künstlichkeit zugleich fremd und doch als Teil der Szene wirken: In der urwüchsigen Landschaft der schottischen Küste treten die weißen Tänzer in atemberaubende Farbspiele mit Himmel, Wolken und Landschaft ein, während sie sich in den Schwarzweißaufnahmen aus Neuschwanstein in den architektonischen Raum einzufügen scheinen.

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