Architektur in der Kunst: Interview mit Sven Hamann
In unserem Alltag sind wir mehr oder weniger permanent von Architektur umgeben. Wir verbringen den Großteil unseres Leben in gebauten Räumen – und trotzdem erfährt die Architektur erstaunlich wenig Beachtung. Anders als etwa die Kleidung, die uns in ähnlicher Weise umhüllt und tagein tagaus begleitet und die – in Form von Mode – eine sehr große Rolle in der allgemeinen Aufmerksamkeit spielt, werden unsere architektonische “Hüllen” kaum wahrgenommen. Dies hat Sven Hamann zu seinem Thema gemacht. Der Künstler will den Blick für Architektur schärfen und eine intensivere Auseinandersetzung mit ihr erreichen. Sein Ziel ist es, so sagt er selbst, “die Menschen für das Thema der Architektur zu sensibilisiern und den Blick des Betrachters für Architektur zu schärfen”.
Als studierter Architekt hat Hamann die Architektur “von der Pike auf” kennengelernt. In den ersten Jahren nach seinem Studium in Kaiserslautern war er als Architekt tätig, hat dabei jedoch immer mehr die kreativen Möglichkeiten, die die Kunst – insbesondere die Malerei und die Fotografie – eröffnet, für sich entdeckt und sich schließlich vor einigen Jahren entschlossen, als freischaffender Künstler zu arbeiten – mit zunehmendem Erfolg. So hat Hamann etwa den fm-Fotografiepreis 2008, Hamburg im Thema Architektur gewonnen und ist Preisträger beim Kunst- und Förderpreis der Sparkasse Bayreuth im Rahmen der 30. Internationalen Kunstausstellung (ebenfalls 2008).
In seinen aktuellen Arbeiten zeigt Hamann Fassadenausschnitte. Das Gebäude wird auf eine Fläche reduziert und abstrahiert und dem Betrachter so in einer ungewohnten Weise präsentiert. Gewohnte Sichtweisen werden durchbrochen, neue Wahrnehmungen der Gebäudehülle ermöglicht. Insbesondere in den Gemälden, geschichtete Strukturarbeiten, wird deutlich, wie Fassade funktioniert: Was befindet sich dahinter? Was wird verhüllt?
Bis Ende März ist eine Einzelausstellung mit Sven Hamanns Arbeiten im Kunstverein Amberg zu sehen (12.02. bis 21.03.09).
In einem Interview gibt Sven Hamann Auskunft über seine Arbeit und seine Zielsetzungen. Die vollständige Version des Interviews findet sich auf www.deconarch.wordpress.com.
Interview
SK: Wieso wird ein studierter Architekt Künstler?
Sven Hamann: Um das zu beantworten muss man noch einen Schritt zurückgehen und sagen, warum ich Architektur studiert habe. Mein Wunsch, kreativ zu arbeiten, stand von Anfang an im Vordergrund – in welcher Ausprägung das sein sollte, war mir zu Studienbeginn selbst nicht ganz klar. Entsprechend war ich mir unsicher bei der Wahl des Studiengangs. Doch schnell merkte ich, dass mich das Thema Architektur fesselte – daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich habe also mein Diplom gemacht und begann nach einer Phase mit Wettbewerben (auch im Bereich der Kunst) als angestellter Architekt zu arbeiten. Dabei merkte ich aber sehr schnell, dass der Berufsalltag wenig Spielraum für Kreativität in meinem Sinne zuließ und meinem Wunsch, eigene Ideen zu verwirklichen, durch gesetzliche Vorschriften und Bauherren starke Schranken gesetzt wurden. Da mein damaliger Arbeitgeber, Prof. Klaus Neuper, selbst auch erfolgreicher Künstler war, hatte ich einen guten Einblick in die Praxis eines Künstlers. Das war der Anfang. [...]
SK: Seit 2002 bist du freischaffender Künstler, nachdem du davor ein paar Jahre als Architekt gearbeitet hast. Wie beeinflusst das Architekturstudium bzw. die Architektur deine Kunst, etwa bei der Arbeitsweise und/oder bei der Themenwahl?
Sven Hamann: Als ich den Beruf des Architekten ausgeübt habe, wurde mir bei vielen Projekten bewusst, wie wenig sich Bauherrn mit dem Thema und der Theorie der Architektur auseinandersetzen. Entsprechend schwierig waren für mich die Bauvorhaben, da ich es mit den mir vorhandenen Mitteln nicht schaffte, für das Thema Architektur zu sensibilisieren. Ganz anders in der Kunst – hier kann ich mich unabhängig von äußeren Anforderungen auf einen Aspekt konzentrieren und diesen ausarbeiten.
SK: Du möchtest für das Thema Architektur sensibilisieren: Welche Ziele verfolgst du mit deinen Arbeiten?
Sven Hamann: Ich möchte die Menschen für das Thema der Architektur begeistern und sensibilisieren und den Blick des Betrachters für Architektur schärfen.
SK: Warum ist es nötig und wichtig, den Blick für Architektur zu schärfen?
Welche Bedeutung hat Architektur für uns?
SK: Zurück zu deinen Arbeiten. Mittlerweile bist du seit 6 Jahren freischaffender Künstler und arbeitest sowohl mit Fotografie als auch mit Malerei. Warum diese beiden Medien?
Sven Hamann: Es gibt Aspekte, die kann ich besser mit der Fotografie transportieren, andere mit der Malerei. Mein Anfang in der Fotografie war auch in meiner Studienzeit – ich glaube, es gibt kaum einen Architekturstudenten ohne Kamera. Hier stand der dokumentarische Aspekt im Vordergrund. Schnell merkte ich aber, dass natürlich die Art der Perspektive entscheidend ist, wie und was der Betrachter wahrnimmt. In der klassischen Architekturfotografie wird meist mit Perspektive gearbeitet, um die räumliche Situation festzuhalten. Mir geht es aber in meiner Fotografieserie, die mittlerweile auf fast 70 Arbeiten angewachsen ist, um die Fassade. Die von mir gewählte Perspektive, die eigentlich gar keine Perspektive ist, sondern ein frontales zweidimensionales Abbild der Fassade, erzwingt eine Beschäftigung mit der Fassade, da der Blick nicht der Perspektive zum Fluchtpunkt folgen kann, da es keinen Fluchtpunkt gibt. Also ein Spiel mit der Wahrnehmung des Betrachters, um gewohnte Seh-Muster aufzubrechen. [...]
SK: Wie und warum kam dann die Malerei dazu?
Wie entsteht ein Gemälde? Wird es inspiriert von den Fotografien?
Sven Hamann: Die Malerei war von Anfang an ein Medium, das ich nutzen wollte, da es mir andere Möglichkeiten bietet als die Fotografie. Die erste Phase war geprägt durch viel Probieren, mit welcher Technik ich meine Ideen am besten transportieren konnte.
Ich werde oft gefragt, ob ich meine Fotografien in der Malerei „umsetze”. Es ist jedoch kein Kopieren in das Medium der Malerei, sondern eine abstrahierte Inspiration, die auch formale Gründe hat.
SK: Nämlich welche?
Sven Hamann: Proportionen, Material, Farbe, Geometrie.
SK: Kommen wir zurück zu den Fassaden, die in deiner Arbeit eine wichtige Rolle spielen.
In gewisser Weise werden deine Gemälde „gebaut”, nämlich geschichtet und durch typische „Baumaterialien” geformt (Lehm, Sand, Zement). Hat dieser Gedanke eine Rolle gespielt bei der Entscheidung, mit diesen Materialien zu arbeiten?
Sven Hamann: Ich habe schon im Studium viel gezeichnet und auch skulptural gearbeitet – es kam dann die Phase, in der ich viel probiert habe. Es fing an mit Wandobjekten aus Stahl, wobei mich hier der Prozess des Rostens (Thema ästhetischer Reiz des Vergänglichen) interessierte. Es folgte eine Phase mit Objekten aus Beton, bis ich schließlich bei meiner momentanen Technik gelandet bin, mit der ich sehr gut das Thema der Fassade und dem „Dahinter” transportieren kann. Dabei war es für mich immer sehr wichtig tatsächlich auch mit Materialien zu arbeiten, die einen starken Bezug zur realen Architektur haben.
SK: Das „Dahinter” der Fassade – wie meinst du das? Den Raum hinter der Fassade oder das Material, aus dem die Fassade aufgebaut ist?
Sven Hamann: Das rein Bautechnische – wie ist tatsächlich eine Fassade aufgebaut – spielt eine untergeordnete Rolle. Allerdings kann ich hier durch die Materialität und durch das haptische Moment meiner Arbeiten auch dafür sensibilisieren.
Mein Fokus liegt in der Malerei jedoch auf dem Individuellen, was hinter der gebauten Fassade liegt: Das, was sich uns in Ausschnitten durch die Fassadenöffnungen zeigt. Es sind zwar „nur” Ausschnitte und kleine Einblicke, die uns aber sehr viel sagen über das, was sich dahinter befindet – und damit meine ich nicht (nur) das Materielle, sondern den Menschen und letztendlich unsere Gesellschaft, denn Architektur ist die Hülle unserer Gesellschaft. [...]
SK: Eine letzte Frage: Was ist deiner Meinung nach charakteristisch für deine Arbeiten?
Sven Hamann: Die geradlinige Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur.
Sven Hamann, vielen Dank für das Gespräch.
Autorin: Simone Kraft Quelle: deconarch.wordpress.com Nachrichten-Feed abonnieren

























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