„La petite mort” von Ubbo Enninga
Ubbo Enningas Skulptur “La petite mort” (2009) ist ein Inbegriff der Melancholie, Transzendenz und des Glückes, was nach dem Crescendo auftritt. Bis Ende Mai 2009 ist diese Arbeit in der Ausstellung „Alles dreht sich um den Kopf” in der Galerie der Friendly Society in Berlin, zu sehen. Unser Autor Bonaventure S. B. Ndikung berichtet über seine Eindrücke.

Ubbo Enninga: La petite mort, 2009 © U. Enninga
Die Refraktionszeit ist in der Physiologie eine Periode, in der eine Zelle die Fähigkeit verliert, eine bestimmte Aktion zu wiederholen. Eine Art absolute Ruhephase, in der kein Stimulus zu einer Exzitation führt.
Wenn dieser Zustand in den ganzen Körper ausstrahlt, dann kommt der Ausdruck, wie ihn Ubbo Enningas Skulptur „La petite mort” zeigt, auf: Der Ausdruck eines erstarrten Mannesgesichtes mit erhobenem Kopf, geschlossene Augen, volle sukkulente Lippen. Er könnte tot sein… aber dafür strahlt sein Gesicht zu sehr diese merkwürdige Kombination aus Erfüllung und Leere, Glück und Trauer, Satisfaktion und Unzufriedenheit aus! Ein Schädel für einen Kopf mit hohen, markanten Wagenknochen, die tiefe Augenhöhlen abrunden und einen „kleinen Tod” simulieren.
„La petite mort” ist eine Referenz auf die Refraktionszeit, die nach dem Orgasmus auftritt. Die Periode der spirituellen Ruhe nach einem Vulkanausbruch. Eine Phase der Melancholie und Transzendenz, die dem Crescendo nachtrauert. Enningas ca. 1,90 m hohe Skulptur verkörpert dieses Gefühl. Sie bittet den Zuschauern um Betrachtung und Interaktion in drei Dimensionen: Der statische Kopf besetzt die Y-Achse in der Mitte, während der Rest des Körpers von einer Art Betonzylinderstapel umkleidet ist. Der oberste Zylinder lässt sich in der X-Achse drehen und aus diesem sich drehenden Zylinder schaut in der Z-Achse der Kopf eines Taurus heraus. Wenn es noch nicht der Fall war, dann wird es spätestens jetzt klar, wieso Enningas aktuelle Ausstellung in der Galerie der Friendly Society Berlin „Alles dreht sich um den Kopf” heißt.

Ubbo Enninga: La petite mort, 2009, Detail © U. Enninga
Aber um welchen Kopf? In der Tat dreht sich vieles um den Kopf des Betrachters und um den Kopf des Typen, der gerade den himmlischen Zustand des „petite mort” erlebt. Aber die größte Überraschung, um die sich alles dreht, lässt sich erst entdecken, wenn man auf den kleinen Hocker neben der Skulptur hinaufsteigt. Dort oben verbirgt sich der einäugige Kopf der Köpfe. Fein poliert glänzt er wie die Sonne! Der Taurus sich um seine Bahn drehend, wie die Planeten im Solarsystem.
Ja, der Taurus! Seine herausstehenden großen Augen verraten seine Anspannung und seine Hörner sind zum Angriff bereit, als versuchte er, angsteinflößend zu wirken – aber er strahlt nur etwas „Nirwanahaftes” aus. Für einen Moment scheint die griechische Mythologie auferstanden zu sein! In diesem Zustand der himmlischen Ekstase musste der Taurus des Zeus sich befunden haben, nachdem er sich mit Pasiphaë gepaart hat und der Minotaurus gezeugt wurde. Ein Zustand des „petite mort”…
In dieser Ausstellung „Alles dreht sich um den Kopf” dreht sich definitiv nicht alles um den Kopf, obwohl es viele andere Kopfskulpturen und Bilder gibt – vieles dreht sich auch im Kopf.


















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