Elfenbeinschnitzen: Alte Kunst neu entdeckt. Interview mit Vero Schmolinski
In einer sehr ungewöhnlichen, weil heute nicht mehr oft anzutreffenden Profession (ähnlich auch der Netsuke-Kunst) ist die Elfenbeinschnitzerin Vero Schmolinski tätig. Die junge Künstlerin, die in der Nähe von Heidelberg lebt, hat über Umwege die Kunst der Elfenbeinverarbeitung entdeckt und ist eine der wenigen aktiven Meister in diesem Bereich.

Vero Schmolinski, Jagdzauber, Mammutelfenbein, Knochen, Bernstein, Pferdehaar
Durch die Jahrhunderte hindurch wurde Elfenbein – oft auch als „weißes Gold” bezeichnet – sehr geschätzt und in unterschiedlichsten Formen verarbeitet: Thron- und Helmverzierungen, anatomische Modelle, geschnitzte Gebrauchsgegenstände wie Spazierstock- und Schirmgriffe, Dosen, ganze Kronleuchter, Musikinstrumente (Barockflöten, Klaviertastaturen), Schmuck und Kultgegenstände wurden aus Elfenbein gearbeitet. Hochzeiten der Elfenbeinschnitzkunst waren das Mittelalter und die Renaissance, der Barock und zuletzt Art Déco und Jugendstil.
1989 wurde der Handel mit Elfenbein weltweit eingeschränkt, da Elefanten, die „Hauptlieferanten” des Rohmaterials, wegen ihrer Stoßzähne von Wilderern massenhaft getötet wurden und vom Aussterben bedroht waren. Durch den Artenschutz und der damit verbundenen geringeren Verfügbarkeit wird Elfenbein mittlerweile wieder als edles Material geschätzt und kommt für hochwertigen Schmuck, Skulpturen oder bei Musikinstrumenten zum Einsatz.
Aktuell ist eine Auswahl von Vero Schmolinskis Arbeiten in Schwetzingen, im Goldschmiede-Atelier Märzheuser, zu sehen (bis 4. Juli 2009). Ihre Skulpturen sind Variationen von paläolithischen Funden, die die Künstlerin in Mammutelfenbein und Geweih umgesetzt hat, sowie verschiedene Frauendarstellungen, aber auch moderne, nichtfigürliche Stücke, die besondere Aufmerksamkeit verdienen.
In einem Interview gibt Vero Schmolinski Auskunft über ihre Arbeit mit Elfenbein und erzählt, was sie an diesem Material fasziniert.
INTERVIEW
Vero, die Frage, die sich wohl am meisten aufdrängt: Wie und warum wird man Elfenbeinschnitzerin?
Über Umwege hatte ich von dem Berufsbild des Elfenbeinschnitzers erfahren – und vor allem, dass es auch heute noch die Möglichkeit zur Ausbildung gibt. Nur sehr wenige praktizieren heute noch diesen Beruf, weshalb seine Existenz kaum bekannt ist.
Ich absolvierte eine dreijährige Lehrzeit, in der ich viel zeichnete, modellierte und mit den unterschiedlichen Naturmaterialien schnitzte und natürlich auch lernte, mit den Werkzeugen und Maschinen umzugehen.
Im Anschluss an meine Gesellenprüfung erhielt ich ein Stipendium und konnte mich zwei Jahre lang auf die Meisterprüfung vorbereiten. Damals verbrachte ich viel Zeit im Deutschen Elfenbeinmuseum in Erbach im Odenwald und lernte durch Studieren der historischen Stücke viel dazu.
Neben meinen Meistern als Mentoren suchte ich noch Kontakt zu alten Elfenbeinschnitzern, um mich mit ihnen auszutauschen und mir die Herangehensweise an traditionelle Werke zeigen und erklären zu lassen.
Zuvor war ich lange auf der Suche nach dem geeigneten, kreativen Beruf, doch nichts wollte richtig passen. Mein „zur Not” angefangenes Studium der Kunstgeschichte und der Religionswissenschaften war mir zu theoretisch. Immer nur darüber schreiben, was andere geschaffen haben, erschien mir für mich nicht erfüllend.
Unter anderem versuchte mich als Kunstschmied, doch Metall und ich sind nicht füreinander gemacht und die Arbeit in der schönen Schmiede hatte mit Romantik nun wirklich nichts zu tun.
Nun habe ich meine Berufung gefunden und die Möglichkeit, unglaublich vielseitig zu arbeiten. Es ist wunderbar, am Abend die Ergebnisse vor mir zu sehen und auch greifen zu können.
Was zeichnet die Arbeit mit Elfenbein aus?
Elfenbein fasziniert.
Was genau so wunderbar daran ist, kann ich mit Worten allein nicht ganz ausdrücken. Man sollte Elfenbein sehen und fühlen, um es zu verstehen. Es ist ein wunderbares Material und es gibt nichts Vergleichbares.
Mit den Linien im Material kann ich die Formen, die ich umsetzen will, wunderbar unterstützen oder mich auch von ihnen leiten lassen. Meine Arbeitsweise ist nicht so technisch, wie manche anscheinend meinen. Das Gefühl für mein Material steht bei mir sehr im Vordergrund.
Lässt es sich leicht bearbeiten oder ist viel Krafteinsatz nötig, um das Material zu bearbeiten?
Durch seinen speziellen Aufbau kann man mit Elfenbein in alle Richtungen arbeiten und auch sehr filigrane Stücke herstellen, die mit anderem Material nicht umzusetzen wären, da sie sonst brechen würden wie z.B. bei Holz oder Knochen.
Je nachdem, wie groß das Stück ist, an dem ich gerade arbeite, benötige ich auch etwas Kraft und Ausdauer, denn ich muss das jeweilige Stück mehrere Stunden lang halten und fräsen oder mit Feilen bearbeiten. Bei sehr kleinen Stücken kann es wiederum auch anstrengend werden für die Hand, die das kleine, manchmal nur wenige Zentimeter messende Stück hält.
Jedoch ist die notwendige Konzentration, Geduld und eine ruhige Hand sowie das Formgefühl weitaus wichtiger als der Krafteinsatz.
Gibt es unterschiedliche Material”stärken” wie es etwa bei verschiedenen Holzarten auftritt?
Beim Elfenbein gibt es tatsächlich unterschiedlich harte Stücke.
Mammutelfenbein z.B. ist dichter und somit auch härter als Elefantenstoßzahn und je nach Qualität ist es oft auch kalkig und spröde, während Elfenbein meistens gleichmäßiger zu bearbeiten ist.
Sehr gute Qualität an Mammutelfenbein ist übrigens nicht immer zu bekommen.
Arbeitest du „nur” mit Elfenbein, oder auch mit anderen Materialien?
Ich nutze verschiedene Materialien und liebe auch Materialkombinationen. Je nach Entwurf suche ich das geeignete Stück. Am liebsten arbeite ich mit Mammutelfenbein, Elfenbein, Knochen und Geweih, nutze aber auch gerne Bernstein, Edelhölzer, Horn oder Tagua-Nuss. Tagua ist eine Palmfrucht, die nach Aushärtung beschnitzbar ist und als pflanzliches Elfenbein bezeichnet wird.
Früher habe ich Ölbilder gemalt oder dreidimensional auch mit Ton oder Metall gearbeitet. Doch meine jetzigen Materialien sind passender für mich. Mit ihnen kann ich das Umsetzen, was ich möchte und das Material auf Arten formen, die mir liegen.
Sie sind das perfekte Medium für mich.
Wie kommt man an dieses Material?
Es gibt je nach Material verschiedene Bezugsquellen.
Wenn ich mit Elfenbein arbeite, so handelt es sich um Restbestände, die aus der Zeit vor dem Handelsverbot nach Deutschland eingeführt worden sind. Die Reglementierungen sind sehr streng und ich verwende selbstverständlich nur zertifiziertes Material.
Mammutelfenbein wird in Jakutien aus dem Permafrostboden geborgen und darf frei gehandelt werden. Die Preise sind in letzter Zeit sehr stark nach oben gegangen und nicht immer ist die Qualität verfügbar, die man gerade sucht. Manchmal dauert es Monate, das geeignete Stück zu bekommen.
Wie und wo findest du deine Motive?
Hauptsächlich arbeite ich frei, stelle mir ein Thema und erstelle Skizzen oder Tonmodelle, die ich dann auf das eigentliche Stück übertrage und schnitze. Oder ich lasse mich von dem Materialstück selbst inspirieren und nehme die gewachsene Form und Farbe in meine Gestaltung auf und lasse Stück und Idee miteinander verschmelzen.
Ich habe mich aber auch schon von den Künsten alter Meister inspirieren lassen.
Inspiration erfahre ich auf verschiedene Weise. Oft ist es Musik, ein Waldspaziergang, Natureindrücke allgemein, Design, Malerei, …
Gibt es ein Leitthema, das dich interessiert und das du bevorzugt umsetzt?
Immer wieder sind es Frauen- und Tierdarstellungen, die ich umsetze, welche inhaltlich verschiedene Themen transportieren, mit denen ich mich gerade beschäftige. Oft lasse ich mich dabei von Geschichten oder Mythen inspirieren.
Gesellschaftskritische Themen setze ich zwar auch immer wieder mal um, versuche dabei jedoch auf den erhobenen Zeigefinger zu verzichten. Muss man, um ernst genommen zu werden, ein schwieriges Thema künstlerisch aufgearbeitet haben? Ich finde nicht.
Mir geht es weder darum, leichte Kost für die Masse, noch möglichst aufmerksamkeitserregende Werke zu schaffen. Ich setze Stücke um, deren Themen mich persönlich beschäftigen.
Insgesamt versuche ich, Material und Form so ästhetisch wie möglich zusammenzubringen. Daran arbeite ich in jedem Stück und versuche, es immer besser oder auch mal wieder auf neue Weise umzusetzen.
Was ist deiner Meinung nach charakteristisch für deine Arbeiten?
Da ich je nach Materialwahl auch in unterschiedlichen Stilen arbeite, führt keine sichtliche Linie durch komplett alle meine Arbeiten, auch wenn alles auf seine Art meine Handschrift trägt.
Als Ausdrucksmittel für reduzierte Figuren und Objekte nutze ich eine möglichst dynamische Linienführung und spannungsvolle Oberflächen.
Ich versuche das Wesen dessen, das ich schaffen möchte, einzufangen und umzusetzen, Material und Motiv sich gegenseitig ergänzen zu lassen – und das bei allen Stilen, ob naturalistischen, stilisierten oder abstrahierten Stücken.
Gibt es Vorbilder, die dich beeinflusst haben??
Was mich natürlich sehr geprägt hat, ist der moderne Umgang mit Elfenbein, wie ihn Jan Holschuh praktizierte. Er stand in der Tradition des Bauhauses, auch wenn es vom Stil nicht wirklich offensichtlich ist. Mein Meister Herr Jäger, der selber bei Holschuh gelernt hatte, setzt diese Lehre fort.
Des Weiteren liebe ich besonders die chryselephantinen Figuren von Demetre Chiparus und Ferdinand Preiss.
Wie viele Elfenbeinschnitzer gibt es – mehr als man denkt oder handelt es sich doch mehr um einen „exotischen” Bereich?
Auch heute noch durchlaufen einige Leute die Ausbildung zum Elfenbeinschnitzer, doch kaum einer arbeitet danach tatsächlich als solcher. Die meisten sehen keine Zukunft darin und schwenken gleich nach Abschluss der Gesellenprüfung auf andere Berufe um. So kann man die heute aktiven Elfenbeinschnitzer an den Fingern abzählen.
Gibt es einen „Markt” für Elfenbeinkunst?
Elfenbein hat seine eigene Nische, für die es Liebhaber und Sammler gibt. Die meisten sammeln und kaufen jedoch eher Antiquitäten. So sind Kunstkammerobjekte und Figuren, wie sie auch unter der kürzlich versteigerten Sammlung von Yves Saint Laurent zu finden waren, sehr gefragt. Elfenbeinskulpturen von Ferdinand Preiss erzielen sogar Preise im fünf- bis sechsstelligen Bereich.
Die meisten meiner Kunden erfahren erst durch Kontakt mit meinen Werken die Faszination von Knochen oder Elfenbein, da sie in erster Linie von den Stücken in ihrer Gestaltung angetan waren. Andere kommen gezielt wegen des Materials auf mich.
Ich kann mir schon vorstellen, dass durch die moderne Umgehensweise mit Mammutelfenbein oder auch mit Knochen auch ein neuer Liebhaberkreis geschaffen wird bzw. wächst.
Was möchtest du mit deiner Arbeit erreichen?
Ich möchte weiterhin meine Ideen verwirklichen und Stücke umsetzen, an denen ich Freude habe, sie zu schaffen. Dass ich damit einen Jahrtausende alten Beruf mit am Leben erhalte, ist ein schöner Teilaspekt.
Wenn Betrachter sich von meinen Stücken in irgendeiner Weise berührt fühlen, ist das eine wunderbare Anerkennung. Ich wünsche mir, dass das Interesse und die Nachfrage an meinen Arbeiten steigt und ich von den Verkäufen gut leben kann.
Schnitzerei ist eigentlich ein Grenzbereich zwischen Kunst und Kunsthandwerk – wo ordnest du dich ein? Warum?
Ein langwieriges Thema. Kunst oder Kunsthandwerk?
Der Beruf des Elfenbeinschnitzers an sich ist dem Kunsthandwerk zuzuordnen. Nun kommt es meines Erachtens darauf an, was man wie umsetzt.
Durch meine Ausbildung habe ich die Voraussetzung erlernt, mit meinem Material und den Werkzeugen fachgerecht umzugehen, wie es z.B. auch beim Bildhauer der Fall ist. Früher waren Elfenbeinschnitzer, wenn sie ihre Stücke entworfen und hochwertig umgesetzt haben eindeutig Künstler. Heute ist das nicht mehr so.
Meine Stücke sind selbst entworfene und umgesetzte Unikate. Manche Stücke haben besondere Hintergründe, Themen, die ich nach außen nicht immer in den Vordergrund rücke.
Manche Auftragsarbeiten sind dagegen in ihren Inhalten weniger künstlerisch oder insgesamt eindeutiger dem Kunsthandwerk zuzuordnen.
Für mich sind die Übergänge, was Kunsthandwerk zur Kunst betrifft, oft fließend.
Ob mich andere in den Bereich Kunst oder Kunsthandwerk einstufen, überlasse ich ihnen. Mir ist es wichtig, das zu machen, was ich will und Werke so umzusetzen, dass ich dahinter stehen kann. Die Frage, unter welcher Bezeichnung dies geschieht, steht nicht an erster Stelle.
Vero Schmolinski, vielen Dank für das aufschlussreiche Interview!























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