Home » Art and Events, Kunst & Design, Kunst Lounge, Künstler, Literatur, Malerei, Skulpturen

Buchtipp: Kunstskandale

30. April 2009 [ Kein Kommentar ]

Ein von Efeu umranktes Kruzifix inmitten von Fichten auf einem Berggipfel – dieses scheinbar unspektakuläre Motiv wählte Caspar David Friedrich 1807/08 als Sujet für die Hauskapelle des Grafen Anton von Thun-Hohenstein in Schloss Tetschen. „Impression, Sonnenaufgang“ (1872/73) benannte Claude Monet eine Hafenansicht von Le Havre, die Schiffe, Fischer und Hafenanlagen in der Stimmung bei Sonnenaufgang atmosphärisch einfängt. Der Surrealist und Dadaist Max Ernst präsentierte 1926 dem staunenden Betrachter mit einem Augenzwinkern, wie Maria das Jesuskind züchtigt. Was haben nun diese drei so unterschiedlichen Bilder gemeinsam? Sie alle haben in ihrer Zeit die Gemüter erregt.

© Belser Verlag, Stuttgart

© Belser Verlag, Stuttgart

Gerade die innovativsten Gemälde und Skulpturen stießen immer wieder zunächst auf deutliche Kritik. Sie wagten Neues und überschritten ästhetische, moralische oder politische Grenzen, stellten Wertvorstellungen auf den Kopf. Dafür mussten sie Schmähungen, Pressedebatten oder gar Hiebe, polizeiliche Beschlagnahmungen und juristische Prozesse über sich ergehen lassen. In einem reich bebilderten, bibliophilen Band, der 2008 im Belser Verlag für 24,95 Euro erschienen ist, spüren die Kunsthistorikerinnen Ute Schüler und Rita E. Täuber nun besonders spektakulären Episoden der Kunstgeschichte nach. In spannenden und teils überraschenden Bildbetrachtungen widmen sich die Autorinnen von „Skandal: Kunst! schockierend packend visionär“ einzelnen Fallbeispielen von Michelangelo bis in die jüngste Vergangenheit. Zunächst beschränkten sich die Kunstdebatten auf einen relativ elitären Kreis von Kunstschriftstellern, Mäzenen und Künstlern. Mit Beginn des öffentlichen Ausstellungswesens galt es jedoch, in Galerien und Museen die Beachtung eines breiten Publikums und der Presse zu finden.

Neben der Einführung gliedert sich das Buch in 19 Kapitel, die die einzelnen Kunstwerke vorstellen und in den Kontext einordnen. Dazu gehören auch Skulpturen wie Auguste Rodins „Honoré de Balzac“ oder Jeff Koons „Made in Heaven“. Die Auswahl der präsentierten Stücke zeigt, dass es gerade die zukunftsorientierten Schöpfungen waren, die nicht nur besonders heftige Ablehnung hervorriefen, sondern zugleich auch neue Kunstrichtungen vorangetrieben haben: Michelangelos „Das Jüngste Gericht“ den Manierismus, Gustav Courbets „Ein Begräbnis in Ornans“ den Realismus sowie Picassos „Les Demoiselles d’Avignon“ den Kubismus. Kenntnisreich erläutern die Verfasserinnen das jeweils Außergewöhnliche der Werke und die Gründe dafür, dass diese einen derart reichen Diskussionsstoff boten.

Das bereits angesprochene, für die Romantik prägende Bild „Das Kreuz im Gebirge“ (Tetschener Altar) von Caspar David Friedrich wirkt auf den heutigen Betrachter wenig skandalträchtig. Doch weit gefehlt: Nach überkommenen Vorstellungen gehörte ein Landschaftsgemälde nicht auf den Altar einer Kapelle. Friedrichs stimmungsvolle Kruzifix-Darstellung ließ einen Streit darum aufflammen, wie und wo Gott erfahren werden könne, allein in der biblischen Überlieferung und mittels der Institution Kirche oder etwa auch in der Natur, „im Angesicht der Schöpfung“. Der spanische Künstler Francisco de Goya provozierte seine Zeitgenossen mit dem Bilderpaar „La Maja desnuda“ (Nackte Maja) und „La Maja vestida“ (Bekleidete Maja). Insbesondere der Frauenakt „Nackte Maja“ (um 1798-1805) mit seiner Darstellung einer real anmutenden Frau jenseits jeder mythologischen Verbrämung wurde als moralisch anstößig betrachtet. Nicht nur das, auch die Inquisition wurde auf Goyas „unzüchtigen“ Werke aufmerksam. Mit Schirmen und Stöcken attackierten Besucher des Pariser Salons 1865 Édouard Manets „Olympia“. Spott und Entrüstung gleichermaßen erntete der Maler für dieses Bild einer Kokotte der Pariser Halbwelt in Form einer Venusparodie, so dass das Gemälde von seinem ursprünglichen Ort entfernt und in einem der letzten Ausstellungssäle unter der Decke gezeigt werden musste.

Marcel Duchamp stilisierte ein einfaches Pissoir zum Kunstwerk – damals umstritten, wurde „Fountain“ 2004 hingegen als einflussreichstes Werk des 20. Jahrhunderts gewürdigt. Schließlich hat sich Duchamp mit seinem Angriff auf gängige Kunstkonventionen als „innovativster Neuerer der modernen Kunst“ (S. 93) erwiesen. Die Schrecken des Krieges wie auch die dunkle Kehrseite der vermeintlich Goldenen Zwanziger Jahre mit ihrer Dekadenz und ihren Missständen kritisierte Otto Dix in seinen Kriegs-, Nachkriegs- und Hurenbildern. Sein sezierender, mitunter zynischer Blick machte ihn nicht nur berühmt, sondern führte auch zu Beschlagnahmungen und Prozessen. Seine bekannteste Auseinandersetzung mit den Erlebnissen im Ersten Weltkrieg, „Schützengraben“ (1920/23), tourte 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ als Beispiel für „gemalte Wehrsabotage“ durch Deutschland.

Der informative Parforce-Ritt durch die Historie der Kunstskandale und –skandälchen endet mit der umstrittenen Londoner Schau „Sensation“, die erstmals 1997 in der altehrwürdigen Londoner Royal Academy präsentiert wurde und danach auf Tournee ging. 42 junge britische Künstler probten hier den Aufstand und lösten harsche Proteste aus. Ron Mueck beispielsweise schockierte die Besucher mit einer aus Acryl und Silikon gefertigten Nachbildung seines verstorbenen Vaters; Marc Quinn verstörte mit einem in Blut geeisten Selbstporträt. Mit Tinte und Eiern bewarfen die entsetzten Briten das aus Farbabdrucken von Kinderhänden zusammengesetzte Porträt der Kindesmörderin Myra Hindley.

Der vorliegende Band bietet einen außergewöhnlichen und zugleich reizvollen Zugang zur Geschichte der Kunst. Dabei kann ein derartiger Überblick natürlich immer nur einen Ausschnitt zeigen und keine Vollständigkeit beanspruchen. Die lesens- wie sehenswerte Zusammenschau vermittelt neue Sichtweisen auf scheinbar Altbekanntes. Dabei bleibt als kleiner Wermutstropfen das Fehlen eines wissenschaftlichen Anmerkungsapparates, der zu einer tiefergehenden Beschäftigung mit der Thematik eingeladen hätte.

Autor/in: Dr. Silke Eilers > Nachrichten-Feed


Bookmark Buttons:
Bookmark bei: Mr. Wong Bookmark bei: Webnews Bookmark bei: Icio Bookmark bei: Oneview Bookmark bei: Linkarena Bookmark bei: Favoriten Bookmark bei: Seekxl Bookmark bei: Kledy.de Bookmark bei: Publishr Bookmark bei: BoniTrust Bookmark bei: Power Oldie Bookmark bei: Bookmarks.cc Bookmark bei: Favit Bookmark bei: Bookmarks.at Bookmark bei: Newsider Bookmark bei: Linksilo Bookmark bei: Readster Bookmark bei: Folkd Bookmark bei: Yigg Bookmark bei: Digg Bookmark bei: Blogmarks Bookmark bei: Facebook Bookmark bei: Reddit Bookmark bei: Simpy Bookmark bei: StumbleUpon Bookmark bei: Slashdot Bookmark bei: Furl Bookmark bei: Yahoo Bookmark bei: Google Bookmark bei: Blinklist Bookmark bei: Technorati Bookmark bei: Newsvine
Nachrichten dieser Seite abonnieren Artikel beanstanden und melden Eigene Artikel verffentlichen Gesammten mediaquell Nachrichten-Feed abonnieren

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Hinterlassen Sie unten Ihren Kommentar oder trackbacken Sie von Ihrer eigenen Seite.
> Be nice. Keep it clean. Stay on topic. No spam.

Kommentare per RSS abonnieren!

Folgende Tags stehen zum Einsatz:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

This is a captcha-picture. It is used to prevent mass-access by robots. (see: www.captcha.net)

Du mußt die 5 Zeichen im Bild, (Zahlen von 0 - 9 und Buchstaben von A - F),
in das Feld eintragen und das Formular abschicken um den Download zu starten.

  

Ohje, das kann ich nicht lesen. Bitte, generiere mir eine