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Heidelberger Bibliotheca Palatina vollständig online einsehbar

11. Juni 2009 [ Kein Kommentar ]

Nach drei Jahren Arbeitszeit ist die Heidelberger Bibliotheca Palatina, eine der wertvollsten Sammlungen deutschsprachiger Codices des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, jetzt
vollständig digitalisiert im Internet verfügbar. Auf der Seite der Universitätsbibliothek Heidelberg können Wissenschaftler und interessierte Laien unabhängig von Zeit und Ort die für die Online-Nutzung aufbereiteten Handschriften einsehen, während die Originale unter konservatorisch besten Bedingungen in den klimatisierten Tresoren bleiben.

Codex Manesse, Zürich, 1305 bis 1340 (Cod. Pal. germ. 848) | fol. 22v: Graf Kraft von Toggenburg

Die Bibliotheca Palatina ist eine der wichtigsten Renaissance-Bibliotheken und umfasst zahlreiche mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln (frühe Drucke). Die Ursprünge der Pfälzischen Landbibliothek reichen bis ins Gründungsjahr der Universität Heidelberg, 1386, zurück.

Zu den Beständen gehören unter anderem das Lorscher Evangeliar, eine karolinigische Bilderhandschrift vermutlich aus der Hofschule Karls des Großen, die Bilderhandschrift des Sachsenspiegels und der berühmte Codex Manesse, die umfangreichste deutsche Liederhandschrift mit mittelhochdeutscher Dichtung. Seine insgesamt 138 Miniaturen gelten als wichtigstes Zeugnis oberrheinischer gotischer Buchmalerei.

Die Büchersammlung der Bibliotheca Palatina bietet Quellenmaterial für vielfältige Wissenschafstdisziplinen; die jetzt virtuell verfügbaren Schriften reichen von Beispielen höfischer Epik über biblische Texte bis zu medizinischen Traktaten und Kriegsbüchern.

Der Dieb am Mondstrahl

Antonius von Pforr, Buch der Beispiele, Schwaben, um 1475/1482 (Cod. Pal germ. 84) | fol. 13v: Der Dieb am Mondstrahl

Dieser Reichtum an Manuskripten verlieh die Bibliotheca Palatina in ihrer Blütezeit im 16. und 17. Jahrhundert nicht nur den Charakter einer Reichsbibliothek, sondern auch den Ruf der „Mutter aller Bibliotheken”. Ihr vorläufiges Ende fand die Buchsammlung jedoch im Dreißigjährigen Krieg: Die große Masse an theologischer und insbesondere protestantischer Literatur machte die Bibliothek auch für die katholische Kirche interessant. Nach der Eroberung Heidelbergs im Jahr 1622 wurde der Großteil der Bibliothek nach Rom transportiert. Im August 1623 erreichten 184 Kisten mit 3.500 Handschriften und 12.000 Drucken, zur Gewichtsverminderung großteils ohne Einbände, die Bibliotheca Apostolica Vaticana.

Erst im Zuge des Wiener Kongresses kehrten 1816 die deutschen Handschriften nach Heidelberg zurück. Sämtliche Drucke und die griechischen und lateinischen Manuskripte liegen jedoch nach wie vor in Rom.

Diese 848 deutschsprachigen Codices aus Heidelberg sind jetzt dank des von der Manfred-Lautenschläger-Stiftung finanzierten Digitalisierungsprojekts online einsehbar. Mit rund 270.000 digitalisierten Seiten und ca. 7.000 Miniaturen nimmt die Universitätsbibliothek Heidelberg damit weltweit eine Spitzenposition im Bereich der Handschriftendigitalisierung ein.

Orientierung innerhalb einer Handschrift ist durch eine Vorschaufunktion möglich, die einzelnen Seiten lassen sich per Zoom mehrfach vergrößern und als PDF-Datei auf den Rechner laden. Die Miniaturen sind zudem in der Heidelberger Bilddatenbank HeidICON wissenschaftlich erschlossen, so können auch inhaltliche Themen, etwa nach Bildsujets, recherchiert werden.

Grazer Buchtisch I

Grazer Buchtisch

Die Digitalisierung der Manuskripte selbst wurde auf zwei speziellen Kameratischen des Grazer Modells durchgeführt, die mit hochauflösenden Digitalkameras ausgestattet sind. Speziell für die Digitalisierung von Handschriften entwickelt können auf diesen Tischen fragile Objekte auf buchschonende Weise kontaktlos digital erfasst werden: Mit Hilfe eines Laserstrahls wird das Buch exakt positioniert, das aufgeschlagene Blatt durch eine Unterdruckeinrichtung fixiert. Die so gewonnenen Images werden anschließend in das dem technischen Standard für Langzeitarchivierung entsprechende TIFF-Format umgewandelt und so nachbearbeitet, dass Farb-, Helligkeits-, Kontrast- und Schärfegrad bestmöglich dem Original entsprechen.

Am 25. Juni wird der Abschluss des Projekts in einem öffentlichen Festakt in der Aula der Alten Universität mit einem Festvortrag über mittelalterliche Buchmalerei von Prof. Dr. Jeffrey Hamburger, Professor für Deutsche Kunst und Kultur an der Universität Harvard, und anschließendem Umtrunk in der Bel Etage begangen.

Autor/in: Simone Kraft Quelle & Bilder: Universitätsbibliothek Heidelberg > Nachrichten-Feed


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