Realism 2.0: Wie real ist die Wirklichkeit?
Ist das, was wir sehen, real? Welche Bilder zeigen die Wirklichkeit? Was ist real? Diesen Fragen spüren 13 zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen aus Deutschland, Belgien und Japan in der Ausstellung „Broken Vision” im Mannheimer Kunstverein (12. Juli – 13. September 2009) nach. In ihrem Werk nähern sie sich mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen und Medien der Abbildung von Realität an. Und werfen dabei mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Philipp Weber: Die Jagd – Nora, Kady und Ulrike, 2005, Öl auf Leinwand, 200 x 280 cm, courtesy Galerie Gering, Frankfurt/M.
Überall wird gephotoshopt, digital korrigiert, nachbearbeitet,… Dass wir Bildern in der heute herrschenden Bilderflut nicht mehr alles glauben dürfen, was wir darauf sehen, ist schon fast zum Gemeinplatz geworden. Im Web-Zeitalter ist auch der Wirklichkeitsbegriff dynamisch und flexibel geworden. Realism 2.0 – echt ist, was der Computer „ausspukt”?!
Aber was ist real? Ist das Nachbearbeitete weniger wirklich, weil es etwas zeigt, das in natura nicht ganz so aussieht? Provokant gefragt: Ist das virtuell aufgehübschte Schönheitsideal der Hochglanzmagazine deswegen weniger „real”, weil es idealisierte Menschen zeigt? Zumindest bei der Auswahl der Garderobe hat es doch schon praktisch-reale Bedeutung erlangt. Auch im Privatleben ändert sich einiges durch die weltweite Vernetzung; Mobilltelefone lassen uns ständig erreichbar sein, in Online-Communities bauen wir uns virtuelle Freundeskreise auf, über Chats kommunizieren wird – die Kontakte sind dennoch echt. Mit der Globalisierung hat sich auch unsere alltägliche Wahrnehmung der Welt verändert. Ist alles Ansichtssache?
Realismus in der Kunst

Michael Bach: (4000 Holes in) London Underground, 2008, 200 x 150 cm, Öl auf Leinwand, courtesy Galerie Weigand, Ettlingen © VG Bild-Kunst, Bonn 2009
In der Kunst war die Darstellung von Realität immer schon und immer wieder Thema. Der Blick in die Kunstgeschichte zeigt die vielfältigen Möglichkeiten, „Wirklichkeit” wiederzugeben. Naturalismus, Neue Sachlichkeit, Verismus, sozialistischer Realismus sind nur einige Strömungen, die sich alle zum Ziel gesetzt haben, die Wirklichkeit abzubilden – und die alle zu eigenen Lösungen gefunden haben.
So schockierte Courbet seine Zeitgenossen durch die naturalistische Abbildung von Alltagsszenerien, während die veristischen Arbeiten von Otto Dix darauf zielten, die wahre Natur des Dargestellten zu enthüllen – äußerlich verzerrt entblößten seine Arbeiten die innere “Gesicht” seiner Modelle, freilich in der Interpretation des Malers.
Mit der Entwicklung der Fotografie hat die Kunst zudem eine ganz neue Dimension der Wirklichkeitsabbildung hinzugewonnen: Die Fotografie erhebt den Anspruch auf die uneingeschränkte Abbildung der Realität. Susan Sontag hat jedoch darauf hingewiesen, dass auch das Lichtbild immer einem auswählenden Auge unterliegt und seinem Wesen nach im wahrsten Sinne des Wortes “sur-real” ist – die Fotografie geht über die Realität hinaus, indem sie „echte” Momente für die Ewigkeit einfriert und somit Duplikate der Welt erstellt.
Broken Vision im Mannheimer Kunstverein

Andreas Wachter: Amy, 2008, Terrakotta 90 x 40 x 40 cm, Leihgeber Sammlung Hofmann Karlsruhe, courtesy GALERIE Supper, Karlsruhe
Auch die in Mannheim gezeigten zeitgenössischen Künstler Michael Bach, Beate Bilkenroth, Felix Burger, Eckart Hahn, Christian Hellmich, Ives Maes, Lisa Schairer/Grete Turtur, Josef Schulz, Koshi Takagi, Andreas Wachter, Philipp Weber und Maik Wolf spüren in ihren Arbeiten konstruierten Wirklichkeiten nach – nicht real, aber immer plausibel.
Ein Themenkomplex befasst sich mit gängigen Konstruktionen von Weiblichkeit und den Geschlechterrollen-Klischees, die nach wie vor vorherrschen. Andreas Wachter etwa zeigt eine „Amy von Milo”: Die skandalträchtige Popikone Amy Winehouse wird in der Pose der antiken Venus von Milo inszeniert. Unterschiedliche Erwartungen und Ansprüche an das Bild der Frau werden überlagert. Was ist archaisch, was modern? Auch Philipp Weber und Koshi Takagi setzen sich in ihren Arbeiten mit der Interaktion von Mann und Frau sowie mit der Identitätsfindung im Zeitalter von Web 2.0 auseinander.
Ein weiterer Themenschwerpunkt kreist um die Strukturierung von Lebensräumen und die Schwierigkeiten, sich in einer globalisierten Welt zu verorten, die sich immer mehr angleicht. Josef Schulz fotografiert Industriehallen, wie sie auf der ganzen Welt im Einsatz sind. Am Computer werden die analogen Aufnahmen nachbearbeitet, alle konkreten Hinweise entfernt. Die so nur auf Farbe, Fläche und Form reduzierten Zweckbauten gleichen minimalistischen Skulpturen.

Josef Schulz: Halle blau # 4, 2007, C-Print/Diasec 100 x 129 cm, courtesy Galerie Heinz-Martin Weigand, Ettlingen/Karlsruhe © VG Bild-Kunst, Bonn 2009
Auch in den Gemälden von Beate Bilkenroth, Maik Wolf, Christian Hellmich und Michael Bach werden alltägliche Raumerfahrungnen künstlerisch verarbeitet. Bilkenroth etwa zeigt serielle Wohnbauten, typische „Menschenorte”, jedoch ohne Protagonisten: Wohnen im funktionellen Planquadrat, während Michael Bach typische Stadtansichten aus Großstädten malt – etwa eine menschenleere Londoner U-Bahn-Station, die in seinen großen Formaten verfremdet und unbehaglich wirkt.

Ives Maes: Tourism No. 23: Welcome, 2007, Lambdaprint/Acrylglas 100 x 100 cm, Edition von 5 Expl. courtesy Koraalberg Gallery, Antwerpen
Die provokanteste Position der Ausstellung vertritt der Belgier Ives Maes: Er inszeniert mobile, 100% biologisch abbaubare Realitäten – in Flüchtlingscamps. Am Militärflughafen wird Mr. Mustapha Mond erwartet, der europäische „Weltenkontroller” aus Huxleys „Schöner Neuen Welt”, wie das Schild einer jungen Frau verrät. Ist Huxleys literarische Fiktion einer konditionierten, kritikunfähigen Gesellschaft wirklich so utopisch?
Die Ausstellung wird von einem Katalog begleitet.



















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