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Letizia Battaglia: Leben und sterben in Palermo

17. November 2009 [ Kein Kommentar ]

Schwarze Kleidung, roter Schal, Lesebrille. Um den Hals eine Kamera. Letizia Battaglia wirkt auf der Eröffnung ihrer Fotoausstellung „Vivere e morire a Palermo – Leben und sterben in Palermo“ eher unauffällig. Die Aufnahmen von Mafiamorden und -anschlägen haben sie dennoch weltberühmt gemacht. Noch bis zum 11.12.2009 zeigt die FH Hannover am Expo Plaza in Zusammenarbeit mit dem italienischen Kulturinstitut Wolfsburg gratis eine Auswahl ihrer Werke.

FH Hannover

Letizia Battaglia, Bild zeigt Rosaria Schifani, Witwe eines Mafiaopfers, Foto: FH Hannover

Der Mut und die große Kraft, die in der mittlerweile 74-jährigen Frau stecken, spiegeln sich vor allem in ihren Bildern wider. Zwischen 1970 und 1994 hat sie in ihrer Geburtsstadt Palermo die Morde der Mafia für die Tageszeitung L’Ora („die Stunde“) fotografisch dokumentiert. Anlass hierzu gab es genug: In den 70er und 80er Jahren ereigneten sich in Palermo fast täglich bis zu fünf Schießereien und Mordanschläge, an denen die Mafia beteiligt war. Noch in der Dunkelkammer hörte sie regelmäßig den Polizeifunk ab und raste dann mit der Vespa zu den Tatorten.

Ihre schwarz-weißen Fotografien belegen ungeschönt, aber nie sensationslüsternd die Brutalität, mit denen die Mafia gegen ihre Feinde vorgeht. Die Aufnahmen nehmen den Opfern nicht die Würde, sondern zeigen den alltäglichen Überlebenskampf in Palermo, einer Stadt voller Widersprüche. Glanz und Zerfall liegen nah beieinander. Große Feste und Augenblicke aus dem sizilianischen Alltag nehmen der alles lähmenden Hilflosigkeit kurz die Kraft, und geben ein Stück Normalität und Lebensfreude zurück. Die Toten und die Lebenden, sie alle wirken wie Statisten, Spielfiguren einer unsichtbaren Macht. „Letizia Battaglia hat es geschafft die Wirklichkeit in Pose zu bringen. Wir haben den Eindruck das Theater des wirklichen Lebens zu sehen“, so Stefano Jorio, Leiter des italienischen Kulturinstitutes in Wolfsburg.

FH Hannover

Letizia Battaglia, Frau vor weißen Autos, Foto: FH Hannover

In Palermo hat seit langer Zeit niemand mehr den Mut gehabt, ihre Fotografien zu zeigen. „Sie wollen nicht erkennen, wie sie einmal waren und wie sie heute sind. Palermo will sein eigenes Gesicht nicht dokumentiert sehen“, meint Battaglia. In den letzten 30 Jahren hat sie u.a. als Fotografin, Politikerin, Verlegerin oder Dramaturgin an vielen Fronten gegen „die Krake“ gekämpft. Bis heute bedroht, verändert und erschüttert die Mafia den Alltag in Sizilien. „Keine italienische Regierung hat es in den letzten 150 Jahren geschafft, die Mafia auszurotten. Heute ist sie unscharf, die Grenzen verwischen zusehends. Sie ist ein global tätiges Unternehmen geworden, das an politischer Macht gewinnt und kaum noch fotografierbar ist“, fügt Battaglia hinzu. Das der Standort des organisierten Verbrechens nicht mehr nur Sizilien zugeordnet werden sollte, wurde wohl zuletzt 2007 durch die blutigen Mafia-Morde in Duisburg deutlich.

Anna Moldenhauer

Ausstellungsansicht, Foto: Anna Moldenhauer

„Battaglia“ bedeutet übersetzt „Kampf“. Und Letizia Battaglia kämpft weiter. Sie beobachtet und kritisiert die aktuelle Politik ihres Heimatlandes sehr genau. Zusammen mit ihrer Tochter unterstützt sie unter anderem das Mafia-Museum in Corleone, das weder von der eigenen Regierung noch von der einheimischen Bevölkerung Hilfe erhält. „Wer offen gegen die Mafia kämpft, wird ausgegrenzt. Die wenigen die sich engagieren werden Fremde in ihrer eigenen Stadt, wie ich selbst auch“, meint sie. 80 Prozent der Unternehmer in Palermo würden Schutzgeld zahlen. “Widerstand im Kleinen bewirkt zwar nicht viel, aber es ist wichtig weiter zu träumen, die Hoffnung nach Veränderung nicht aufzugeben”, fügt sie hinzu.

Woher sie die Kraft für den Auflehnung gegen den übermächtigen Feind nimmt, der auch ihr eigenes Leben und ihre Familie bedroht, weiß sie selbst nicht. Vielleicht läge der Grund in ihrer Liebe zur Gerechtigkeit und zu den jungen Menschen, meint sie nachdenklich. Das sie dabei noch nicht zu Schaden gekommen ist, „dafür habe der Himmel gesorgt“. Warnungen, egal von welcher Seite, habe sie immer ignoriert. Eine Leibwache lehnt sie ab. Lieber würde sie umgebracht, als 24 Stunden lang kontrolliert zu werden.

Anna Moldenhauer

Letizia Battaglia (li.) zusammen mit ihrer Übersetzerin und Stefano Jorio, Leiter des italienischen Kulturinstitutes in Wolfsburg. Foto: Anna Moldenhauer

Man sollte nicht trennen wollen, zwischen Letizia Battaglia der Fotografin und der Anti-Mafia-Kämpferin. Sie ist beides und zwar mit vollem Herzen. Für viele sind ihre Aufnahmen zur Kunst geworden, was sie ehrt, da für Battaglia Kunst nicht Unterhaltung bedeutet, sondern eine Bereicherung des Bewusstseins und die Fähigkeit Kritik auszuüben. Als ich sie um ein Portrait bitte, lacht sie: „Sei nie mit einem Foto zufrieden, fotografiere so lange bist du das perfekte Bild hast“. Aufgeben ist halt nicht ihr Ding.



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Autor/in: Anna Moldenhauer Bilder: Anna Moldenhauer, Presse FH Hannover Abo: RSS-Feed | Mehr...


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