Ein Führer durch die Kunstwelt Europas: Contemporary Europe Art Guide to Europe 2009/2010
Ein ambitioniertes Projekt ist es, das der Hatje Cantz Verlag gemeinsam mit seinem Autor Mark Gordon in Angriff genommen hat und das es in dieser Form noch nicht gibt. Der Contemporary Europe Art Guide will ein Reisebegleiter zur Kunstwelt Europas sein. Angelegt als Kurzführer im Stil der Rough Guides, die allerdings eher aus dem angelsächsischen Raum bekannt sind, präsentiert er in kurzen und kürzesten Texten die wichtigsten Kunst-Orte Europas und stellt Museen, Kunstinstitute, Galerien, Kunstmessen und Biennalen sowie öffentlichen Kunstwerke vor.

Contemporary Europe Art Guide, Cover
Der Führer ist auf Englisch geschrieben und an ein internationales Publikum aus der Kunstszene gerichtet. Gordon betont den professionellen Blickpunkt, der in der Publikation eingenommen wird, und will ein breitgefächertes Publikum, das mit zeitgenössischer Kunst vertraut ist, ansprechen: Von den Studenten der Kunstakademien über die Kunst-Aficionados bis zu den Experten. Ein weiterer Fokus des Guides liegt auf der Museumsarchitektur, die Gordon als essenziell für das Erlebnis eines Museums erachtet.
Die Ähnlichkeit mit dem Rough Guide ist dabei nicht zufällig. Tatsächlich waren es die Kunstrubriken in den gängigen Reisehandbüchern, die Gordon dazu brachten, den Contemporary European Art Guide zu schreiben. Es ist also ein durchaus erfolgreiches Konzept, das hier auf die Kunstwelt übertragen wird. Zwei Jahre lang hat Gordon recherchiert und ganz Europa unter die Lupe genommen. Aus Zeitgründen war er – noch – nicht in allen Ländern vor Ort, das soll jedoch nachgeliefert werden: Der Guide soll alle zwei Jahre in aktualisierter Auflage neu erscheinen und somit am Puls der Zeit bleiben. Auch neue Kontinente sind in Planung.

Ausschnitt aus dem Art Guide, Seitenansicht
Geordnet werden die Nationen von A nach Z, so dass es zu der ungewöhnlichen Situation kommt, dass der Informationsteil mit einem „leeren“ Land beginnt, Albanien. Dies verweist auf eines der interessantesten Elemente des Guides: Besonders der Blick auf die osteuropäischen Staaten, in denen sich die Kunstszene erst noch etablieren muss, ist für den (westlichen) Leser aufschlussreich. Diese Staaten haben nicht die gleiche Vielfalt an kulturellen Institutionen, die Kunstszene ist aus politisch-historischen Gründen anders strukturiert. Der Guide deutet diese Entwicklungen jedoch – seinem Umfang entsprechend – nur knapp an und dient mehr als Hinweis auf spannende Entwicklungen, die es in den nächsten Jahren im Blick zu halten gilt.

Ausschnitt aus dem Art Guide, Seitenansicht
Dies weist denn auch auf das Hauptproblem des Guides hin – die Ambition, einen umfangreichen Führer zu Kunstorten in ganz Europa ist nur durch sehr kurz gefasste Informationen zu bewältigen, vieles muss ungesagt bleiben. Für einen Kurzführer ist das Buch jedoch sehr schwer, und dies macht ihn unhandlich. Auch die fraglich, ob die Reisenden tatsächlich einen Führer für Gesamteuropa mitnehmen, wenn sie in ein Land reisen. Mit knapp 30€ ist der Guide zudem kein Schnäppchen, das man gern im Rucksack zerfleddern lässt. Wahrscheinlicher ist, dass Contemporary Europe als Übersichtswerk genutzt wird, das einen Überblick mit den wichtigsten Informationen kurz und gebündelt für ganz Europa bietet und aufzeigt, welche Häuser und Events es wo zu entdecken gibt. Er erspart jedoch nicht die individuelle Recherche zu konkreten Ausstellungen und Veranstaltungen.
Anzumerken ist auch, dass ein Übersichtsband natürlich eine Auswahl treffen muss, welche Kunstorte als relevant präsentiert werden. Hierzu hat sich Gordon entschieden, nach der Qualität der Kunstlocations auszuwählen sowie sich bewusst auf „Non-Profit-Organisationen“ zu beschränken. Dies ist nachvollziehbar, da es gerade im privaten Sektor auch innerhalb von zwei Jahren sehr starke Bewegung gibt. Dadurch werden jedoch auch nur die größten Namen in der Ausstellungsszene aufgeführt, die Einschränkung geht auf Kosten der Vielfalt, die gerade in der zeitgenössischen Szene etwa durch junge, (noch) nicht etablierte private Art Spaces (die nicht nicht vorrangig kommerziell ausgerichtet sein müssen) und unkonventionelle Ausstellungsorte wesentlich belebt und genährt wird. Dadurch geraten zumindest die Kapitel über die großen Kunststädte wie Berlin sehr konventionell und farblos.
Mark Gordon studierte Kunstgeschichte an der School of Visual Arts in New York City und bei Dave Hickey an der University of Nevada in Las Vegas. Er arbeitete sechs Jahre am Whitney Museum of American Art, zuvor als Assistant Director der Katherina Rich Perlow Gallery in New York und bei Christie’s. Seit 2004 lebt er in Amsterdam und Berlin, organisiert Kunstprojekte und schreibt über zeitgenössische Kunst.
Mark Gordon, Contemporary Europe Art Guide, Hatje Cantz Verlag 2009, 368 Seiten



















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