Das Fundament der Kunst. Die Skulptur und ihr Sockel seit Alberto Giacometti
“Das Fundament der Kunst. Die Skulptur und ihr Sockel seit Alberto Giacometti”, so der Titel einer Ausstellung im Städischen Museum, dem sogenannten Deutschhof, in Heilbronn, die noch bis Ende Januar nächsten Jahres zu sehen ist (24.10.2009 – 31.01.2010). Eine ungemein überraschende Ausstellung, die sich verschiedener Medienformen großzügig bedient und das Thema rund um die Skulptur, den Sockel, das Modell und den Raum anhand ganz unterschiedlicher Blickwinkel beleuchtet und illustriert. Über siebzig vielfältige künstlerische Positionen von etwa fünfzig namhaften Künstlern sind auf zwei Stockwerken zu sehen.

Karin Sander, Italic Eggs oder Keine zwei Eier sind gleich, 2001

Timm Ulrich, Im Sockel - vom Sockel, 1981/90
Im Erdgeschoss verblüfft die Ausstellung etwa mit einer Arbeit der renommierten Künstlerin Karin Sander: Italic Eggs oder Keine zwei Eier sind gleich von 2001. Ihr steht Timm Ulrichs Werk Im Sockel – vom Sockel von 1981 gegenüber. Auf derselben Ebene untersucht auch Thorsten Brinkmanns fotografische Arbeit Serialsammler mithilfe einer Hamburger Sperrmüll-Mentalität das Prinzip Sockel (Abb. u.).

Alberto Giacometti, Petit buste sur double socle, 1940/41

Sylvie Fleury, Alaïa Shoes, 2003
Weiterhin findet sich im ersten Stock des Museums ein Alberto Giacometti, die filigrane und schlanke Büste Petit buste sur double socle von circa elf auf sechs Zentimeter, als Pendant zu einer konsumfreudigen Sylvie Fleury mit ihrem gigantischen Spiegel-Kubus ALAIA Shoes in einem Ausmaß von ein auf ein auf ein Meter und mit Schuhen nur in ihrer Größe. In einem Interview im begleitenden Katalog zur Ausstellung antwortet Fleury auf die Frage, ob Sie Schuhe ausstelle, die ihr selbst passen: “Natürlich, ich verwende immer Schuhe in meiner Größe. Wenn die Plastik keinen Käufer findet, kann ich sie tragen” (S. 67).

Zilvinas Kempinas, Flux, 2009
Oder die fragile Rauminstallation „Flux“ des 1969 in New York geborenen Künstlers Zilvinas Kempinas: Eine Arbeit, die mit viel Esprit, einer exakten, rechnerischen Kalkulation und dank der durchweg freundlichen Mitarbeiter des Museums im wahrsten Sinne des Wortes erst sichtbar wird. Wie? Das sollte man am besten vor Ort selbst erleben…
Ob Ready-made, Ancient Art, Videofilm oder Fotografie – alles vorfinden und entdecken zu können, das ist es, was diese Ausstellung gelingen lässt. Bunt gemischt, spielerisch und zum Teil humorvoll gestaltet überzeugt die Schau mit eindeutigen künstlerischen Statements, ansehnlichen Skulpturen, tiefgründigen Gedankenkonstruktionen der Künstler – die Ausstellung offenbart eine umfangreiche, bemerkenswerte Bandbreite.
Das Fundament der Kunst wurde im Dezember von einem weihnachtlichen Rahmenprogramm begleitet: Einen Adventskalender in der örtlichen Tagespresse. In ihm präsentierten Heilbronner Persönlichkeiten aus Kunst, Theater, Musik und Medien ihr Lieblingsstück aus der Ausstellung und erzählten ihre ganz privaten Geschichten.
Laut der Webseite des städtischen Museums Heilbronn hat die Ausstellung das Ziel, die enorme Vielfältigkeit, welche das plastische Fundament seit Alberto Giacometti erlebt, einem breiten Publikum nahe zu bringen. Auch im Januar haben Besucher noch die eine oder andere Gelegenheit, dies zu erleben, die durch das Rahmenprogramm des Museums noch unterstützt wird.

Thorsten Brinkmann, Das Prinzip Sockel, 2001/02
Abbildungen:
Mark Dion, The Tar Museum – Flamingo, 2006, Versandkiste aus Holz, Teer, Kunststoff-Flamingo, 80 x 46 x 185 cm, Privatsammlung, Schweiz / Courtesy Georg Kargl Fine Arts, Wien, Foto: Lisa Rastl (Vorschaubild)
Karin Sander, Italic Eggs oder Keine zwei Eier sind gleich, 2001, Hühnereier, luftgetrocknet, zwei Sockel, weiß und braun, jeweils 125 x 30 x 30 cm, Privatsammlung
Timm Ulrich, Im Sockel – vom Sockel, 1981/90, Körperabguss T. Ulrichs in Bronze auf bzw. unter MDF-Sockeln, 2 Teile, je 185 x 50 x 50 cm
Alberto Giacometti, Petit buste sur double socle, 1940/41, Bronze, 11,4 x 6 x 6 cm, Sammlung Klewan, Foto: Ernst Hofstetter
Sylvie Fleury, Alaïa Shoes, 2003, Ed. 1/3, 2/3 Bronze, je 17 x 23 x 7 cm, Spiegel-Sockel, je 100 x 100 x 100 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg/Paris, Foto: Foto-Seibold, Heilbronn
Zilvinas Kempinas, Flux, 2009, Sockel, 132 x 132 x 132 cm, Ventilator, 2 Schleifen v. Mini-DV-Band, Courtesy Spencer Brownstone Gallery, New York
Thorsten Brinkmann, Das Prinzip Sockel, 2001/02, 54 C-Prints, je 45 x 30 cm, Courtesy Galerie Kunstagenten, Berlin; artfinder Galerie / Mathias Güntner, Hamburg

















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