Zwischen Gestern und Morgen: Uwe Stelter – Niemandszeit
Mitten in Hannover-Linden, dem multikulturellen Szene-Viertel der niedersächsischen Landeshauptstadt, steht die Zeit still. In einem Schaufenster hängen großformatige Fotografien, aufgenommen direkt nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze. Noch bis zum 18. März 2010 zeigt die Kuck Schaufenstergalerie eine wechselnde Auswahl aus „Niemandszeit“ von Uwe Stelter.

Foto: Uwe Stelter
Links rauscht die Straßenbahn durch die Einkaufsstraße, rechts ein Wettlokal, Wohnhäuser. Niemand erwartet hier Kunst, schon gar nicht in einer unscheinbaren Nebenstraße. „Viele Passanten sind irritiert“, meint der Fotograf Uwe Stelter. Sie fragen sich, was das soll und was es hier zu kaufen gibt, schließlich verbinden wir Konsum mit einem Schaufenster. Doch genau diese ungewöhnliche Präsentation macht den Reiz aus. „So kann ich die Menschen erreichen, die sonst wenig oder nichts mit Fotografie oder der DDR-Thematik zu tun haben. Zudem gehörte das Werbemittel noch gut erkennbar vorher einem Reisedienst. Dieser Kontext zu meinen Bildern ist genial.“
Die Ausstellung ist kostenfrei, hat keine Öffnungszeiten. Es gibt keine Hemmschwelle. Ein stilles Angebot – es liegt am Passanten selbst, ob er es wahrnimmt oder nicht. Die Fotografien zeigen nicht das Grenzgebiet der DDR, wie wir es zu sehen gewohnt sind. Keine furchteinflößenden Wachtürme, keine bewaffneten Posten. Stattdessen wie durch einen Nebel Landschaften, Menschen und Gegenstände. Nicht einladend, mehr künstlerisch als dokumentarisch. Oft muss man zweimal hinschauen, um das wirkliche Motiv zu erkennen. Fotokunst mischt sich mit Momentaufnahmen aus einem Stück Deutschland zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft. „Es ist eine Reisegeschichte“, so Stelter. „Ich wollte die Orte entlang der Grenze in ihrer Gesamtheit abbilden, nicht nur die sozialistische Szenerie. Es geht hier nicht um die Tötungsmaschinerie.“

Foto: Uwe Stelter
Knapp drei Monate war der Fotograf unterwegs, vom 5. Januar bis zum 21. März 1990, immer entlang des Sperrgebietes, von der Ostsee bis zum Brocken. Kurz nach den ersten freien Wahlen in der ehemaligen DDR beendete er seine Reise. „Das war alles nicht einfach zu organisieren“, erinnert er sich. „In diesem Bereich gab es keine Hotels. Ich habe aber bei Privatleuten immer ein Zimmer bekommen, die Offenheit dieser Menschen war unglaublich. Als Westdeutscher war ich eine kleine Attraktion.“
Die Reaktion auf seine Person blieb allerdings nicht immer positiv. Als er Anfang der 90er ins ehemalige Grenzgebiet zurückkehrte, um seine Arbeiten denen zu zeigen, die den Schwebezustand der Ungewissheit hautnah miterlebt hatten, wurde seine Ausstellung boykottiert. „Die Kunstszene war damals sehr politisch, vielen waren meine Bilder nicht dokumentarisch genug. Zudem bin ich ein Westdeutscher. Einige fanden die Aufnahmen richtig gut, andere konnten nicht akzeptieren, dass da einer aus dem Westen kommt und ihnen ihre Vergangenheit zeigt. Sie fühlten sich provoziert.“

Foto: Uwe Stelter
Stelter sucht nicht das perfekte Bild, sondern will die Stimmung und das Lebensgefühl der Menschen wiedergeben, die zwischen den Zäunen lebten. „Ich hatte den Anspruch, dass jedes Foto seine eigene Stimmung bekommt. Zusammen wirken sie wie ein Film.”
Die Lautstärke der plötzlichen Stille nach der Grenzöffnung ist ohrenbetäubend. Jedes einzelne Motiv scheint seine Geschichte erzählen zu wollen, jetzt, wo die Gefahr vorüber ist. Einschusslöcher in einer Wand, säuberlich durchnummeriert. Ein leeres Büro, ein Westpaket. Eine Teekanne, doppelt vor dem Herabtropfen des flüssigen Inhaltes gesichert. Alles ist noch an seinem Platz, als sei die Situation gerade eben erst verlassen worden. Die wenigen Menschen auf seinen Fotografien wirken wie Statisten in ihrer eigenen Welt. Wie die alte Frau, die im geblümten Kittel eine Mülltonne vom Bürgersteig hievt. Oder die Grenzsoldaten mit dem leerem Blick und der schiefen Mützenhaltung, die ihnen vor Kurzem wohl noch eine Abmahnung eingebracht hätte. Überfordert mit der Gegenwart und gefangen in einem Job, der einmal ihr Lebensinhalt war und ihnen jetzt, wo alles vor dem Aus steht, so furchtbar sinnlos vorkommt. Ein paar Schritte weiter steht ein Hochhaus, im Jargon auch „Arbeiterschließfach“ genannt, auf dem Kopf. „Ich habe das Bild gedreht, weil nun alle Schubladen des Schließfaches offen sind“, meint Uwe Stelter. „Die Gedächtnisse sind geöffnet, der Inhalt fällt heraus. Die Gedanken sind endlich frei.“

Foto: Uwe Stelter
50 Aufnahmen umfasst der Fotozyklus „Niemandszeit“ insgesamt, jeweils sechs werden im regelmäßigen Wechsel ausgestellt. „Es ist eine Essenz, ein Auszug, ein komprimiertes Destillat“, so der Fotograf. Informationen zum Hintergrund gibt es dazu nicht. Ein Schild mit dem Namen des Fotografen und dem Titel der Ausstellung, keine Ort- oder Zeitangaben. Die Präsentation lässt Raum für Interpretation. Zu jeder Abbildung finden sich lediglich ein paar Zeilen des Lyrikers Durs Grünbein. „Die Gedichte sind eine Bereicherung zu den Bildern“, so Stelter. „Sie wurden ca. 1994/ 95 veröffentlicht. Grünbein hat sich in den Gedichten mit seinen Empfinden zur ehemaligen DDR auseinandergesetzt, in der er aufgewachsen ist. Ich selbst bin Fotograf, kein Lyriker. Wenn ich mich an solchen Texten versuche, würde das wohl in die Hose gehen“, fügt er hinzu.
Die Fotos sind ungewöhnlich hell, teilweise unscharf. Ihre Struktur hat beinahe einen malerischen Charakter. „Ernstzunehmende Fotografie hat heute schwarzweiß zu sein, mit einer tiefen Schärfe. Alles andere wird oft als amateurhaft oder gar trashig bezeichnet. Meine Aufnahmen sind unbearbeitete Abzüge von Dias. Ich will die Realität abbilden, nichts beschönigen, nichts verfälschen. Das ist meine Auffassung von Fotografie“, erklärt Stelter.

Uwe Stelter, Foto: Anna Moldenhauer
Die Utopie von zwei Staaten in einem Land beginnt sich in seinen Bildern im Nichts zu verlieren. Die Heimat, das Kollektiv und die Parolen, alles löst sich auf. Die lange zusammengewachsenen Überzeugungen ergeben keinen Sinn mehr. „Viele linientreue DDR-Bürger konnten nicht glauben, dass sich ihre Regierung einfach so geschlagen gibt“, meint er. „Sie konnten sich nicht vorstellen, dass das möglich ist. Warteten auf eine Reaktion, glaubten verzweifelt daran, dass von dem maroden Staat noch etwas kommt.“ Daneben stand die Lust auf die große Welt. Der Wunsch ein Volk zu sein, eine Währung zu haben. Ihre Lebensgrundlage war zerbrochen, das Karussell drehte sich desorientiert im Leeren weiter. „Wer den Kopf verliert, dem sind die nächsten Schritte ungewiss, so sucht er Stützen in dem was war, nur auf Verlassenheit ist Verlass“, schreibt Durs Grünbein.
“Niemandszeit” zeigt uns diesen Raum im Traum, den es so nicht mehr gibt. Ein verzerrtes Kabinett ohne Zeit unter einem Brennglas, verwischte Grenzen und symbolträchtige Bürgerlichkeit einer schwindenden Republik. Für kurze Zeit schockgefroren, unklar, in welche Richtung es geht, zwischen Bangen und Hoffen. „Ich habe mich dem Phänomen Grenze von verschiedenen Standpunkten genähert und bald bemerkt, dass ich als ehemaliger BRD-Bürger Bestandteil eben dieser Grenze war“, so Stelter.
Das Ergebnis ist eine Visualisierung mit Anspruch.

















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