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Phantomschaltung im ehemaligen Fernmeldeamt

28. April 2010 [ 1 Kommentar ]

Unter dem Titel „Phantomschaltung“ findet im ehemaligen Fernmeldeamt Berlin-Mitte zum ersten Mal eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst statt. Parallel zu einem der größten Kunstevents des Jahres – dem Gallery Weekend / Open Weekend – werden vierzehn in Berlin lebende Künstler in einem gigantischen Raum mit ihren Arbeiten in Verbindung treten.

Die aus den USA, Europa, Russland und Deutschland kommenden Künstlerinnen und Künstler eint ihre derzeitige Wirkungsstätte Berlin. Zum Gallery Weekend Berlin 2010 werden sie galerieübergreifend als „Phantomschaltung“ miteinander ausstellen und gemeinsam feiern. Klassische Ausstellungsraster sollen mit dieser Gruppenausstellung aufgebrochen werden. Stattdessen treten die Künstler mit ihren aktuellen Werken interdisziplinär und im Wortsinn parallel zueinander in Verbindung, um ihre diversen Positionen gemeinsam wirken zu lassen.

© Katrin Kampmann - Jetzt kennt euch keiner mehr, 2009, Tusche, Acryl, Linoldruck u. Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm

Katrin Kampmann, Jetzt kennt euch keiner mehr, 2009, Tusche, Acryl, Linoldruck u. Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm © Katrin Kampmann

In der Nachrichtentechnik versteht man unter dem Begriff Phantomschaltung ein Verfahren zur Erhöhung der Anzahl von Sprechkanälen, bei dem die magnetischen Wirkungen aufgehoben werden, um beispielsweise sieben Sprechkanäle in einem Fernkabel gleichzeitig zu übertragen. Die an der „Phantomschaltung“ teilnehmenden Maler, Bildhauer, Video- und Installationskünstler haben sich eingehend mit diesem nachrichtentechnischen Prinzip auseinandergesetzt. Durch formelle und inhaltliche Bezugnahme bilden die Assoziationen der Künstler hierzu im Ergebnis ein Kommunikationsnetz im Raum. Der Ausstellungsaufbau beruht auf dem Schema einer Phantomschaltung, das sich hervorragend in die Architektur des Ausstellungsraumes einfügt und so die Metapher ‘dialogische Vernetzung’ aufnimmt und widerspiegelt.

Die Gruppenausstellung „Phantomschaltung“ wurde von Katia Hermann in Zusammenarbeit mit Katrin Kampmann kuratiert und dank Unterstützung des Kulturamts Mitte, des Institut français und Zoche imaging ermöglicht. Es wird die erste Kunstausstellung im ehemaligen Fernmeldeamt Berlin-Mitte in der Klosterstraße überhaupt sein. Der Ausstellungsraum soll zukünftig regulär diesem Zweck dienen, und welch besseres Omen als eine reichweitenverbessernde „Phantomschaltung“ könnte es für dieses Vorhaben geben?

Die teilnehmenden KünstlerInnen

Durch elegante Klarheit und schwebende Dynamik faszinieren die Werke des Bildhauers Axel Anklam. Besonderes Augenmerk richtet der Künstler auf Struktur und Oberfläche seiner Installationen und Skulpturen, die massiv, dicht und transparent zugleich wirken. Zur „Phantomschaltung“ präsentiert er die Edelstahlskulptur Land.

© Stefan Heinrich Ebner/S.H.E. - Theoretisch tot, 2009, Rauminstallation, Tierfell auf Bambusstruktur, 350 x 140 cm

Stefan Heinrich Ebner/s.h.e., Theoretisch tot, 2009, Rauminstallation, Tierfell auf Bambusstruktur, 350 x 140 cm © Stefan Heinrich Ebner/s.h.e.

Der äußerst vielseitige junge französische Künstler Ygvupt Umsonst aka Jean-Baptiste Bouvet zeigt hier zwei Installationen: Ygvupt aus der Serie Fear and Agony wirft ein effektvolles Schattenspiel, während die zweite Installation mit spiegelverkehrtem Text verblüfft.

Die Videoarbeiten der amerikanische Künstlerin Nicole Cohen befassen sich mit der menschlichen Figur im Raum. In Building Space setzt sich eine junge Frau mit der Umgebung eines Fotos aus einem Innenarchitektur-Magazin aus den 60er Jahren auseinander, während es sich bei Fantasy Space um eine Videoprojektion auf einem Foto einer Innenarchitektur aus den 70er Jahren handelt.

Die französische, aus Algerien stammende Malerin und Bildhauerin Dalila Dalléas zeigt hier ihre Installation Les Pingouins guerriers (Die kriegerischen Pinguine) – ein Versuch, dem étrange/Seltsamen und den étrangers/Fremden mit Humor zu begegnen und eine Reflektion über die Funktion des Zeugen anzuregen.

Die Malerei von Andrea Damp ist ein überwältigendes, sinnliches Ereignis. Ihre neue Werkgruppe Déjà-vu / Jamais-vu befasst sich mit der fragmentarischen Wiedergabe vorgefundener Motive, die im malerischen Verfremdungsprozess eine neue Qualität ihrer Les- und Deutbarkeit erhalten.

Stefan Heinrich Ebner – Pseudonym s.h.e. – stellt zwei Skulpturen seiner Serie Theoretisch tot vor. Die „Bauwerke“ erinnern an Moleküle oder Kristalle, die „Tentakel“ an Vernetzung, Verdrillung, Verkabelung und erhalten durch das tierische Material Fell eine sinnliche Anziehungskraft.

Die Arbeiten des russischen Malers Andreas Golder zeugen von Kraft und Zerbrechlichkeit. Seine Gemälde besitzen eine expressive Kraft und zeigen teilweise geisterhafte Figuren, die in der sich scheinbar bewegenden Farbe verschmelzen – Ansichten des Todes und der Zerbrechlichkeit des Lebens. Für die „Phantomschaltung“ präsentiert er drei neue Arbeiten.

Für „Phantomschaltung“ wird Katrin Kampmann Werke mit Bezug zur heutigen Kommunikationstechnik präsentieren: Handyportraits, die großformatige Arbeit Geisterfahrer sowie das Bild Jetzt kennt euch keiner mehr, das der Frage nachgeht, ob das Surfen im Internet alles zur Imagination werden und eine virtuelle Welt um den User herum entstehen lässt.

© Axel Anklam - Land, 2009, Edelstahl, 300 x 210 x 110 cm

Axel Anklam, Land, 2009, Edelstahl, 300 x 210 x 110 cm © Axel Anklam

Mit immer wieder neuen Materialien und Formen kreiert Anna-Katharina Mields in ihren Installationen und Videoarbeiten einen fragmentarisch-narrativen Strang, der durch absurde wie irritierende Elemente Geschichten von Räumen und Orten erzählt. So auch in der extra für „Phantomschaltung“ geschaffenen Sound- und Videoinstallation.

Der von der Tradition inspirierte Maler Daniel Mohr arbeitet strukturiert mit Wasser- und Ölfarben und schafft so sanfte Farbvariationen, Nuancen und Lichteffekte. Zur „Phantomschaltung“ zeigt er die zwei kleinformatigen Arbeiten Der Wanderer und Dem Deutschen Arbeiter sowie ein aktuelles großformatiges Werk Das Floss der Medusa.

Der Maler Christian Sauer hat eine ganz eigene Technik des Papier Collé entwickelt und schichtet so aus geschnittenen und gerissenen Farbfetzen figurative Elemente. Das ausgestellte Werk Spannungsfelder handelt von Gegensatzpaaren, innerhalb derer sich das menschliche Dasein abspielt. Diese Bilder im Bild sind wie auf einer Umlaufbahn der Erde drapiert.

Der Bildhauer Willi Tomes stellt Arbeiten aus dem Blimperium-Zyklus aus. Durch Kombination, Zerstörung und Transformation werden Alltagsgegenstände sowie aussterbende Datei- und Tonträger zu Skulpturen, Assemblagen, Büsten und Sockeln. Die so entstehenden überhöhten Charaktere reflektieren die schwindende Existenz von Dingen und Menschen.

Die aus Barcelona stammende Malerin Gal´La Uriol Jané setzt sich in ihren Arbeiten mit dem Aufbau, dem Sprung zwischen drei und zwei Dimensionen in der Malerei, der künstlichen Natur, dem Basteln und der Formation/Komposition auseinander. Zur „Phantomschaltung“ zeigt sie eine Gruppe kleinformatiger Ölbilder, die wie verschiedene Stimmen eines Chors funktionieren.

Der Maler und Grafiker Jakob Zoche zeichnet mit einer eigenen Technik am Computer Figuratives, das meist abstrakt anmutet. Netzwerke, die flimmern und dem Betrachter Schwindel bereiten. In Kabelwerk zeichnet Zoche irritierende Strukturen, bei denen sich die Perspektive durch unlogische Überlagerungen und Brüche selbst ad absurdum führt.

Die Ausstellung „Phantomschaltung“ findet vom 30.04. – 02.05.2010 im Fernmeldeamt Berlin-Mitte, Klosterstraße 44 statt. Die Vernissage am 30.04. beginnt um 19 Uhr mit anschließender Party auf der DJ Ilo Pan und JackFlash auflegen, open end.
Samstag, 01. Mai 14 – 22 Uhr, ab 19 Uhr Performances: Elizabeth Wurst • Enric Fort • Susanne Meyer • Willi Tomes
Sonntag, 2. Mai 14 – 22 Uhr, ab 17 Uhr Künstlergespräch: Moderator: Karen Witczak, präsentiert durch Berlin Collective.

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Autor/in: Klaus-Dieter Knoll Quelle: "Phantomschaltung" | Katia Hermann Abo: RSS-Feed | Mehr...


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Ein Kommentar »

  • Kathrin Singer sagt:

    HAllo, sehr guter Artikel. Berlin mausert sich ja wirklich. Bin vor 18 Jahren weggezogen. Fahre heute auf Besuch und werde auf jedn Fall die empfohlenden Ausstellungen besuchen. Der Artikel hat mir sehtr angesprochen und Lust gemacht. Gruss Kathrin

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