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Derek Ogbourne’s Museum of Optography: Dem Blick ins Jenseits auf der Spur?

10. September 2010 [ Kein Kommentar ]

Ein  geheimnisvolles Plakat kündigte es an: Derek Ogbournes „Museum of Optography“ im Heidelberger Kurpfälzischen Museum. Ein seltsames, bläulich schimmerndes Objekt ist darauf zu sehen. Ein rätselhafter Tiefseebewohner? Erst auf den zweiten Blick erkennt man, worum es sich handelt: Es ist ein Augapfel, der rundherum eingeschnitten und nach vorne aufgeklappt ist.

Cover Derek Ogbourne: Museum of Optography (c) Derek Ogbourne

Cover Derek Ogbourne: Museum of Optography (c) Derek Ogbourne

Hinter dem schaurigschönen Bild verbirgt sich ein Verweis auf eine wissenschaftliche Disziplin, die, so deutet es der Name an, mit der Optik zu tun hat: Optografie ist der ebenso morbide wie faszinierend anmutende Ansatz, das letzte Bild, das ein Lebewesen vor seinem Tod sieht, festzuhalten und zu beschreiben. Diese Fixierung des letzten Bildes, das vor dem Tod auf der Netzhaut trifft, wird als Optogramm bezeichnet. Kann das letzte Bild auf der Netzhaut im – menschlichen – Auge erfasst werden?


Abbilder des letzten Blicks: Forschung im Grenzbereich der Wissenschaft


Installation, verschiedene Materialien, 2007 (c) Derek Ogbourne

Installation, verschiedene Materialien, 2007 (c) Derek Ogbourne

Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts beobachtete ein Jesuit ein Bild auf der Netzhaut eines toten Frosches. 1876 dann entdeckte der in Rom lehrende deutsche Professor Franz Boll das „Sehpurpur” in Froschaugen, deren Netzhaut kurz nach dem Tod der Tiere für einige Sekunden rötlich-purpurn verfärbt ist. Diese Entdeckung wiederum weckte das Interesse des Heidelberger Physiologen Wilhelm Kühne, der die Untersuchungen mit Kaninchen weiterführte. Er fertigte in den 1870er Jahren die ersten identifizierbaren Optogramme an, die als Zeichnungen überliefert wurden. Ein durchaus makaber anmutender Teil der Wissenschaftsgeschichte: Mussten doch die Versuchstiere erst getötet werden, um ihre Augen entsprechend präparieren und so die gewünschten Optogramme erstellen zu können. Die Optogramme sind allerdings unscharf und  verblassen trotz Fixierung rasch.

Vom Heidelberger Kühne stammt auch das einzige bekannte menschliche Optogramm: 1880 erhielt der Forscher die Möglichkeit, bei der Hinrichtung eines Mörders im nahe gelegenen Gefängnis Bruchsal ein Optogramm anzufertigen. Aus wissenschaftlicher Sicht durchaus erfolgreich: Das menschliche Optogramm zeigt eine rechteckige Form, die am einen Ende abgetreppt, am anderen gerundet ist. Aber was ist das, was hier zu sehen ist? Die Treppe zum Schaffott? Die Gefängniszelle? Der Forscher hält sich mit Deutungen zurück, dennoch blüht die Fantasie rund um die Optografie auf. Sollte gar ein Blick ins Jenseits möglich sein?

Das Optogramm als kriminalistisches Hilfsmittel?


Präpariertes Kaninchen-Optogramm mit Schachbrettmuster (c) E. Alexandridis

Präpariertes Kaninchen-Optogramm mit Schachbrettmuster (c) E. Alexandridis

Andere Ansätze wollen kriminalistischen Nutzen aus den Optogrammen ziehen. Wäre es möglich, im letzten Blick eines Mordopfers ein Abbild seines Mörders zu finden? Noch in den 1970ern erhielt der ärztliche Direktor der Heidelberger Universitäts-Augenklinik, Professor Evangelos Alexandridis, eine entsprechende Anfrage eines Kriminalisten. Die Heidelberger Forscher machten sich erneut ans Werk und wiederholten die Versuche mit den Kaninchen, wie sie Kühne rund 100 Jahre zuvor durchgeführt hatte. Von 1970 bis 1997 dauerten die Forschungen, mehrere Optogramme konnten erstellt werden. Und tatsächlich, aus wissenschaftlicher Sicht gelangen die Versuche erneut: Auf den tierischen Netzhäuten waren schemenhaft Eindrücke der letzten Bilder, die den Nagern gezeigt worden waren, zu erkennen – etwa die Zahl 75, ein Schachbrettmuster und sogar das Gesicht von Salvador Dalí. Dennoch: Um Optogramme kriminalistisch zuverlässig einzusetzen, müssten diese nicht nur sofort nach dem Tod des Opfers angefertigt werden, das Opfer müsste zudem in einem hell erleuchteten Raum aus nächster Nähe seinem Mörder gegenüberstehen, bevor es geköpft wird. Ein eher unwahrscheinliches Szenario – ganz abgesehen davon, dass die Optogramme keinesfalls gestochen scharfe, unzweifelhafte Abbilder liefern, sondern verschwommene Schemen, die das Originalbild allenfalls erahnen lassen.

Derek Ogbournes Museum of Optography


Jetzt kehrte die Optografie nach Heidelberg zurück – dank des Engagements des englischen Künstlers Derek Ogbourne, der seit Jahren alles zum Thema sammelt: Videos, Fotografien, historisches Archivmaterial und 140 Zeichnungen bilden sein einzigartiges „Museum of Optography“, das vom 10. Juli bis zum 5. September 2010 im Heidelberger Kurpfälzischen Museum zu Gast war. In die Wege geleitet haben die ungewöhnliches Ausstellung die Heidelberger Galeristinnen Kristina Hoge und Stephanie Boos

(c) Derek Ogbourne

(c) Derek Ogbourne

Begonnen hatte alles mit einem schweren Unfall Ogbournes. 1992 war er in London überfallen und schwer am Auge verletzt worden. Während er dieses traumatische Erlebnis verarbeitete, entwickelte er ein besonderes Interesse nicht nur für das Auge und seine Funktionsweise, sondern auch an der plötzlichen Erfahrung von Grenzsituationen des Lebens. Durch Zufall stieß Ogbourne in dieser Zeit auf einen Time Life-Bericht über die Optografie – ein Thema, das wie für seine Arbeit gemacht schien und ihn fortan fesselte. Akribisch spürt er der Geschichte des Optogramms nach, recherchiert und forscht zum Thema, sucht Menschen und Orte auf, die damit zu tun haben. Darüber hinaus entwickelt er eigene komplexe Kunstwerke, die sich mit dem Übergang vom Leben in den Tod und der Vergänglichkeit des Lebens befassen.

Derek Ogbourne, Retinal Drawings, 145 Einzelzeichnungen, Installationsansicht Derek Ogbourne,2007 (c) Derek Ogbourne

Derek Ogbourne, Retinal Drawings, 145 Einzelzeichnungen, Installationsansicht Derek Ogbourne,2007 (c) Derek Ogbourne

Aus diesen Zeugnissen sowie seinen eigenen künstlerischen Arbeiten konnte Ogbourne in Heidelberg – eine ganz besondere Gelegenheit – sein Museum der Optografie dort inszenieren, wo zwar nicht alles begann, aber entscheidende Forschungen dazu angestellt wurden. Zusammen mit Professor Alexandridis konnte er zudem vor Ort Recherchen „aus erster Hand“ anstellen – sowohl von der wissenschaftlichen als auch von der künstlerischen Seite her.

Es gelang Ogbourne und den Heidelberger Kuratorinnen eine ungewöhnliche Schau zu einem zeitlos faszinierenden Thema, das Kunst, Wissenschaft und Geschichte gleichermaßen vereint. Typisch englisch, dass dabei nicht alles bierernst genommen wird – und der Besucher sich mit dem Künstler auf Spurensuche begibt und versucht, die geheimnisvollen Optogramme zu entziffern. Was ist real, was ist Fiktion?

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Autor/in: Simone Kraft Bilder: Derek Ogbourne, Evangelos Alexandridis, courtesy Kurpfälzisches Museum Heidelberg Abo: RSS-Feed | Mehr...




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