“… über das Meer” der Zukunft entgegen
Vom 16. September bis zum 10. Oktober beherbergt das Schiff „Cap San Diego“ im Hamburger Hafen eine Ausstellung der besonderen Art. 24 Künstler Ibizas stellen ihre Auseinandersetzungen mit der die Gegenwart überwindenden These des mallorquinischen Mystikers Ramon Llulls dar. Hinzu kommen drei weitere eingeladene Künstler, welche sich ebenfalls mit der Thematik der zukunftsgestaltenden Kunst auseinandersetzen. „…über das Meer“ ist damit dieses Jahr das wichtigste Projekt auf den gesamten Balearen.
Gefördert wird dieser Kulturaustausch vom „Institut Ramon Llull“, welches nach dem „Instituto Cervantes“ die wichtigste Kulturstiftung Spaniens ist. Es ist das erste Mal, dass einem ausländischen Autor vom Senator für Kultur im Inselrat Ibizas – Consell de Eivissa –  eine solch hohe Priorität zugemessen wird. Der Künstler und Koordinator von „…über das Meer“, Holger Dunckel, hat es damit geschafft, ganz neue kulturelle Maßstäbe zu setzen.
Holger Dunckel arbeitet bereits seit 1974 als freier Kurator an internationalen Ausstellungsprojekten und ist Mitglied der visuellen Künstler der Balearen. Seine Interessengebiete vereinen Lyrik, Film, Foto und moderne Künste miteinander. Auf der Documenta 6 in Kassel war Holger Dunckel 1977 mit der Sound- und Objektinstallation „Horizons“ vertreten. Seitdem waren seine Arbeiten in über 20 Gruppen- und Einzelausstellungen zu sehen, vor allem im Bereich der Balearen. Seine aktuelle Arbeit „My magnifying Glass (… of the first Water)“ sind Foto-Reflexionen zur Arbeit von Beuys und Warhol. Eine Trilogie aus dieser Serie wurde in der letzten Ausstellung der „km5-lounge-gallery“ auf Ibiza gezeigt. Vor 15 Jahren fand schon einmal ein Projekt unter Mithilfe von Holger Dunckel auf der Cap San Diego statt. „Ein Kürbis voll Asche“ stellte 1995 anlässlich des 50. Jahrestages des Atombombenabwurfes auf Hiroshima eine Zitatensammlung zum Thema „Schöpfung und Apokalypse“ vor.
Seit 1988 bietet die Cap San Diego Besuchern die Möglichkeit, sowohl wechselnde als auch ganzjährig geöffnete Ausstellungen zu besichtigen. Im Herzen Hamburgs gelegen ist es das weltgrößte seetüchtige Museums-Frachtschiff. Einmal im Jahr heißt es „Leinen los!“ und die Cap San Diego fährt auf der Elbe nach Cuxhaven oder durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Kiel.
Welche Räumlichkeiten wären besser dazu geeignet, die Kultur und die Auseinandersetzungen mit der Zukunft „… über das Meer“ nach Hamburg zu bringen, als das weit gefahrene Frachtschiff Cap San Diego?

Lina Andinach, Installation mit Vogelkäfig und Wäscheklammern, ca. 250 x 250 x 250 cm, Foto: Holger E. Dunckel © INTERLACEarts!
Um den Sinn hinter dieser zukunftsweisenden Ausstellung zu verstehen, muss sich der Rezipient zunächst mir der Vergangenheit beschäftigen. Genauer gesagt muss er sich in das 13. Jahrhundert begeben, in welchem der balearische Mystiker Ramon Llull 1235 auf Palma de Mallorca geboren wurde. Zuerst Oberhofmeister am Hof König Jakob I. und Erzieher des Prinzen Jakob II. schloss sich Ramon Llull den Überlieferungen zufolge 1263 den Franziskanern an, nachdem er vier Visionen Christi bekommen hatte. Bei den Mönchen studierte er privat Arabisch, Philosophie, Medizin und Theologie und entwickelte aufbauend auf seinem erlangten Wissen eine neue, universale oder auch „mystische“ Sicht auf Gott und die Welt. In seinem Hauptwerk „Ascenso y Descenso del Entendimiento“ („Das kognitive Auf und Ab im menschlichen Verständnis“) überwand Llull das mittelalterliche Denken, demzufolge Wissen (veritas secundum rationem) und Glaube (veritas secundum fidem) voneinander getrennt sind. Ramon Llull stellte die Vernunft in den Mittelpunkt seiner Argumentationen und wollte mit Hilfe des Verstandes Gott beweisen. Sein Ziel war die Vereinigung des christlichen, jüdischen und islamischen Glaubens.
Dieses Zusammenspiel von Glaube, Wissenschaft und Natur wird von den Künstlern in der Ausstellung „…über das Meer“ aufgegriffen. Dabei sollte man seinen Blick ebenso auf die Auseinandersetzungen von Künstlern mit Zukunftsvisionen richten, welche in nicht allzu ferner Vergangenheit stattgefunden haben. Bereits 1970 forderte Alvin Toffler in seinem Werk „Future-Shock“: „Wir müssen Utopie-Fabriken errichten.“ Wie auch Andy Warhol in seiner „Factory“ versuchte er zukunftsweisende Visionen zu produzieren. So soll der Gesellschaft mithilfe von so genannten „Schlupflöchern“ ein Weg in eine mögliche Zukunft gewiesen werden. Die Menschen sollen aus dem heutigen Materialismus herausgeführt werden in eine Welt, in welcher Zusammenspiele von Natur, Glaube, Kunst, Künstlichkeit und unterschiedlichen Kulturen möglich sind und nicht nach mittelalterlicher Doktrin voneinander getrennt werden.
In einer ästhetischen Gesamtsituation werden in „…über das Meer“ Malerei, Skulptur, Fotografie, Video und Installationen präsentiert, in welchen sich die Künstler mit den Sinnbildern Stein, Flamme, Pflanzen, Bestie, Mensch, Himmel und Engel auseinandersetzen. So setzt sich Rafael Bujunda in seiner Labyrinth-Installation „Laberinto“ mit dem alchemistischen Konzept der „Scala Intellectus“ auseinander. Als Hommage an den verstorbenen Künstler Jose F. Tauste ist eine Gruppe von Engeln, gefertigt von Lina Andinach und weiteren Schaffenden, zu sehen, welche er ursprünglich selbst erstellen wollte. Auch die Hamburgerin Ute Flemming, welche bereits in der ebenfalls zukunftsweisenden Ausstellung „Ein Kürbis voll Asche“ vertreten war, ist mit der Bilderserie „Mixed Media“ zu sehen. Holger Dunckel selbst ist mit der Fotoserie „Razon“ vertreten.
Wer an einer Führung interessiert ist, kann sich gerne bei den Veranstaltern melden (0176/ 40 222 162). Aber auch Improvisationen sind jederzeit möglich: Einfach das anwesende Aufsichtspersonal ansprechen. Zudem werden an den Samstagnachmittagen von 16:00 bis 17:30 Uhr Filmbeiträge mit 45 Minuten Laufzeit präsentiert.

















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